»Lauf, sonst tut es weh«

Räumung im Hambacher Forst fortgesetzt: Polizei kappt sorglos Drahtseile und ­gefährdet Aktivisten zufolge Menschenleben
Von Manuela Bechert

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Ohne die Öffentlichkeit darüber in Kenntnis zu setzen, hat die Polizei am Montag die Räumung der Aktivisten im Hambacher Forst fortgesetzt. Während die Beamten im Wald sehr schnell vorankamen, stand die Hambachbahn den ganzen Tag über still. Um die Kohleabfuhr des RWE-Konzerns zu stoppen, ketteten sich hier acht Menschen an Betonklötzen und Stahlrohren unter der Gleisanlage fest. »Während der Wald geräumt wird, gehen wir hier in die Offensive«, so Aktivisten, die sich nicht nur der geplanten Rodung des »Hambi« zugunsten des Abbaus von Braunkohle widersetzen, sondern auch für den schnellstmöglichen Ausstieg aus deren Nutzung eintreten.

Den Aktivisten am Gleis wurden sowohl Nahrungsmittel als auch Getränke abgenommen. Technische Einheiten führten Arbeiten am Gleis mit einer Flex, nahe den angeketteten Braunkohlegegnern durch. Die Trauerphase um den am vergangenen Mittwoch tödlich verunglückten Journalisten Steffen Horst Meyn scheint nun offiziell beendet. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) soll den Auftrag zur Weiterführung der Räumung persönlich kommuniziert haben. Trotz der bisherigen Aussage des Energiekonzerns RWE, dass erst im Oktober Rodungen vorgenommen werden, wurden bereits im Rahmen der Räumung einige Bäume gefällt.

Es scheint, als wolle man im Hambacher Forst nun kurzen Prozess machen. Nachdem am Sonntag rund 7.500 Menschen trotz Verbot zum »Waldspaziergang« geströmt waren, warteten die Staatsgewalt und der RWE-Konzern ab, bis sich die Lage am Montag wieder beruhigt hatte. Schon zu früher Stunde traf man Vorbereitungen für die Räumung der Baumhäuser, die sich zum Teil mehr als 20 Meter hoch in den Wipfeln befinden. Simultan wurde an drei Stellen des Waldes gearbeitet. Sowohl das Baumhausdorf »Kleingartenverein«, als auch das »Punk Pod« – ein großes Dreibein mit Plattform, das den Nordeingang des Waldes sichert – und »Miketown« waren betroffen. Die Aktivisten leisteten überall gewaltfreien Widerstand und blieben nach Verkündung der Räumungsaufforderung in ihren Baumhäusern oder bildeten Sitzblockaden auf dem Boden. Einige der Aktivisten sprechen von einer Gefährdung von Menschenleben, weil Drahtseilstrukturen, die zwischen den Baumhäusern angebracht sind, von der Polizei einfach gekappt wurden, ohne vorher Rücksprache mit den Betroffenen zu halten.

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Während ein Baumhaus von Beamten auf einer Hebebühne niedergerissen wurde, saßen dessen Bewohner auf dem Boden, weinten und konnten nur ohnmächtig zuschauen, wie ihr Zuhause zerstört wurde. Unter dem »Punk Pod« saßen rund 30 Menschen. Über ihnen befanden sich ebenfalls noch einige Aktivisten, die ihre Besetzung nicht aufgaben und sich aneinander festhielten. Unter Schmerzgriffen trug die Polizei sie fort. »Lauf, sonst tut es weh«, sagte ein SEK-Beamter zu einer Aktivistin, während er sie im Schmerzgriff über ein Feld zu den anderen bereits herausgelösten Aktivisten schleppte.

Im Baumhausdorf »Kleingartenverein« wurden zunächst die Bodenstrukturen zerstört, bevor man sich an den schützenden Tripods des Dorfes zu schaffen machte. Zum Teil wurden die Aktivisten in Baggerschaufeln und Gabelstaplern mit angebrachtem Korb aus den Häusern geholt. Zuvor hatte der Hebebühnenverleiher Gerken aus Protest seine Geräte abgezogen, die von der Polizei über einen Dritten gemietet worden waren. Mit Sätzen wie »Ich breche dir dein Handgelenk« zeigten sich die Beamten am Montag aggressiv.

Der Presse wurde die Arbeit vor Ort stark erschwert, nur bedingt wurde Einblick in den abgesperrten »Gefahrenbereich« rund um die Räumungsarbeiten gewährt. Die Beamten versuchten Medienvertreter daran zu hindern, die Auflösung von Sitzblockaden zu beobachten, auch wenn in unmittelbarer Nähe nicht an Bäumen, Baumhäusern oder anderen ersichtlichen Gefahrenstellen gearbeitet wurde.


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