Streitpunkt Hambacher Forst

Bäume fällen für Kohleabbau: Mehrheit dagegen, Staatsgewalt dafür
Von Manuela Bechert

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Barrikadenbau am Sonntag im Hambacher Forst: Der Wald hat mittlerweile Symbolcharakter
Foto: Wolfgang Rattay/REUTERS

»Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann« – diese Zeilen sind Anfang der 1980er Jahre von Umweltaktivisten in Deutschland aufgegriffen worden. Ursprünglich sollen sie von den Cree-Indianern stammen. Diese Einsicht scheint sich zur Zeit in der Bevölkerung, aber nicht im Staatsapparat durchzusetzen. Vergangene Woche ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid, dass 75 Prozent der Deutschen die Rodung des Hambacher Forstes ablehnen. Die nordrhein-westfälische Landesregierung unterstützt jedoch das Vorhaben des Energiekonzerns RWE, den Wald für den weiteren Abbau von Braunkohle zu roden.

Während der Bundestag über neue Umweltzonen für Dieselfahrzeuge debattiert, wird der Hambacher Forst geräumt und seine Rodung vorbereitet. Das Innenministerium Nordrhein-Westfalens hält das Fällen der Bäume zugunsten des weiteren Braunkohleabbaus für unabdingbar – Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) pflanzte am Dienstag jedoch symbolisch einen Baum in Kamp-Lintfort, wo 2020 die Landesgartenschau stattfinden soll.

Im Hambacher Forst geht es längst nicht mehr nur um die Rodung des letzten übriggebliebenen Waldstückes Nähe Kerpen. Mittlerweile ist der »Hambi« zum mahnenden Symbol für eine Umweltpolitik geworden, die mit Umweltschutz nichts zu tun hat.

Eine Entscheidung des Oberverwaltungsgericht Münster über die Rechtmäßigkeit der Abholzung steht noch aus – sie wird nicht vor dem 14. Oktober fallen. Und bisher fehlen klare Belege dafür, dass die Rodung für den Tagebau unerlässlich ist, wie es der Genehmigungsplan der Bezirksregierung Arnsberg vorschreibt. »Die Inanspruchnahme des Abbauvorfeldes ist auf das betrieblich erforderliche Maß zu beschränken. Die ökologischen Funktionen sind möglichst lange zu erhalten«, heißt es darin. Eine breite Fläche ist aber bereits gerodet und vom Tagebau noch unberührt. Satellitenbilder zeigen nach einem Bericht der Deutschen Welle vom Montag, dass der Abstand zwischen Grubenkante und Waldkante im mittleren Bereich zwischen 450 und 600 Metern liegt.

RWE und Landesregierung agieren jedoch, als sei die Rechtmäßigkeit unumstritten. Seit Tagen werden bereits Baumhäuser zerstört und Aktivisten von der Polizei aus dem Wald gezerrt.

Parallelen zur Auseinandersetzung um die atomare Wiederaufarbeitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf drängen sich auf. Auch hier hatten sich Linksautonome, Umweltaktivisten, christliche Gruppen und Bürgerliche aus der Region verbündet, um das Vorhaben zu verhindern.

Während die Aktivisten im Hambacher Forst weiterhin versuchen, ihre Fahnen in den Bäumen hochzuhalten, droht angeblich sogar die weltweit organisierte Hackergruppe Anonymous in einem Video, die RWE-Server abzuschalten, bis der Konzern einen wirtschaftlichen Schaden erleide, von dem er sich nicht mehr erholen könne, sollte die Räumung des »Hambi« nicht sofort eingestellt und auf die Rodung verzichtet werden. Am Montag war die Website von RWE bereits nicht oder nur schwer zu erreichen.

Zum sonntäglichen Waldspaziergang mit dem Naturführer Michael Zobel im Hambacher Forst kamen zuletzt rund 7.500 Menschen. Am Montag ketteten sich Aktivisten an Betonklötzen unter den Gleisen der Hambachbahn fest und legten damit den Braunkohleabtransport für acht Stunden lahm. Greenpeace-Aktivisten projizierten am Dienstag großflächig das Statement »RWE lügt« auf einen Kühlturm. Solidaritätsveranstaltungen finden in ganz Deutschland statt. 740.000 Menschen sprechen sich mit einer Onlinepetition für die Rettung des Waldes aus.

Die politisch Verantwortlichen scheint all das nicht zu tangieren. Es wird bereits diskutiert, Bundesliga-Fußballspiele abzusagen, um die Polizeipräsenz im Hambacher Wald aufrechterhalten zu können. Das hatte der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in NRW, Heiko Müller, am Wochenende ins Gespräch gebracht. In Dortmund hatten bereits am Freitag abend Neonazis die Gunst der Stunde genutzt und waren von der Polizei unbehelligt mit dem Ruf »Wer Deutschland liebt, ist Antisemit« durch die Stadt marschiert.

»Viele Beamte kommen ins Zweifeln«

Räumung des Hambacher Forstes: RWE will Fakten schaffen. Gespräch mit Michael Zobel
Von Interview: Manuela Bechert

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Festnahme eines Aktivisten am 14. September
Foto: Fabrizio Bensch/Reuters

Michael Zobel ist Naturführer und Waldpädagoge. Sonntäglich lädt er zu Waldspaziergängen in den Hambacher Forst ein. Seit Jahren setzt er sich nicht nur dort aktiv gegen den Braunkohleabbau ein

Seit Montag wird versucht, die Räumung des Hambacher Forstes so schnell wie möglich durchzuführen. Welchen Hintergrund könnte dies haben?

Man hat nicht mehr die Zeit, die politische Entwicklung abzuwarten. Der Druck auf die Kohlebranche wächst eigentlich stündlich. Die Menschen, die in den Wald kommen, um ihn vor der Rodung zu schützen, werden immer mehr. Das bringt die Politik und den Konzern RWE zunehmend in Bedrängnis. Also möchte man möglichst viele Tatsachen schaffen, bevor vielleicht unliebsame politische Entscheidungen fallen. Die Polizei hat vielleicht nicht damit gerechnet, wie lange dieser Einsatz dauert und wie viele Menschen im Wald sind und immer noch dazu kommen. Dann gab es auch noch diesen unglaublich traurigen Todesfall eines jungen Menschen am vergangenem Mittwoch – das wurde dann wenigstens für eine kleine Atempause genutzt. Vier Tage später ging es mit noch größeren Kränen verstärkt weiter. Die Polizei steht auch unter Druck, wir sprechen mit einigen. Viele Beamte kommen ins Zweifeln, was sie hier eigentlich tun.

Wodurch?

Vor allem erleben sie nicht, was herbeigeredet wurde – die ganz große Gewalt, die zuvor beschworen wurde, findet so nicht statt. Diese große Welle von vietnamkriegsähnlichen Zuständen kommt – anders als angekündigt – nicht auf. Die Einheiten werden ständig ausgetauscht, den Polizisten, die sich nicht auskennen, fällt es womöglich noch leichter, Tatsachen zu schaffen und Tabula rasa zu machen. RWE hat nicht mehr viel Zeit. Offiziell haben sie verkündet, den 15. Oktober abzuwarten, da entscheidet das Oberverwaltungsgericht Münster über die Rechtmäßigkeit der Rodung. Bis dahin wollen sie mit den vorbereitenden Maßnahmen fertig sein. Und selbst die richten schon einen enormen ökologischen Schaden an.

Fallen mit den Baumhäusern auch die Bäume?

Das ist natürlich schwer zu sagen. Die großen Bäume, auf denen die Baumhäuser angebracht waren und teilweise noch sind, stehen ja noch. Trotzdem sieht es rundherum aus wie auf einem Schlachtfeld. Es werden Schneisen geschlagen, riesige Lkw fahren in den Wald und laden Schotter ab. Für den Wald ist das alles furchtbar. Die Baumhäuser waren da, um die Bäume zu schützen, jetzt sind sie quasi symbolisch schutzlos. Und daher müssen jetzt die Menschen, die in den Wald und zu den Spaziergängen kommen, den Schutz übernehmen, was bisher die Baumhäuser und deren Bewohner getan haben.

Der Vergleich zwischen den Protesten im Hambacher Forst und den Antiatomprotesten in Wackersdorf wurde schon oft gezogen. Sehen auch Sie gewisse Parallelen zu den Geschehnissen der 1980er Jahre?

Es ist, glaube ich, kein Zufall, dass gerade jetzt der Film »Wackersdorf« in den Kinos läuft. Die Entwicklung, die wir gerade rund um das Thema Kohle sehen, erinnert auf jeden Fall daran. Wie damals gehen auch immer mehr Menschen auf die Straße. Menschen aus ganz Europa kommen in den Wald. Auch für die Großdemonstration am 6. Oktober und den Waldspaziergang am Tag darauf haben sich etliche angemeldet. Das macht mir ganz große Hoffnung, dass am Ende doch noch die Vernunft siegt. Parallelen zu Wackersdorf gibt es natürlich. Dort gab es leider Tote und wir brauchen hier keine Märtyrer. Um so schlimmer ist der Verlust von Steffen, dem 27jährigen Fotografen. Am Ende ist in Wackersdorf keine Wiederaufarbeitungsanlage für Reaktorbrennstäbe gebaut worden. Natürlich hoffe ich, dass der kleine Westteil des Hambacher Waldes, es sind ja nur noch zehn Prozent von diesem einst größten Wald des Rheinlands übrig, erhalten bleibt. Die Hoffnung will ich nicht aufgeben.


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