Feiern im Forst

Großdemonstration mit 50.000 Menschen am Sonnabend im Hambacher Wald. Polizeirückzug angekündigt
Von Manuela Bechert

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Noch nie haben so viele Menschen in der BRD für den Ausstieg aus der Nutzung des Klimakillers Braunkohle demonstriert: Mehr als 50.000 Menschen waren am Sonnabend gekommen, um ein Zeichen für den Erhalt des »Hambis« – wie der Wald liebevoll von den Aktivisten genannt wird –, gegen den Großkonzern RWE und für den schnellstmöglichen Braunkohleausstieg zu setzen. »Jetzt lassen wir nicht mehr locker, bis die Bagger endlich stillstehen und die Schlote nicht mehr rauchen«, gab Christoph Bautz, geschäftsführender Vorstand der Kampagnenorganisation »Campact«, in seiner Rede die Zielrichtung der Demonstration »Wald retten – Kohle stoppen« vor. Auf den letzten Drücker war die Veranstaltung noch per Eilantrag genehmigt worden, nachdem sie zuvor wegen Sicherheitsbedenken untersagt worden war. Ebenso war der vorläufige Rodungsstopp vom Oberverwaltungsgericht Münster beschlossen worden (siehe jW vom 6./7.10.). Dies nahm NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Sonntag zum Anlass, den Abzug der Polizei aus dem Hambacher Forst für den heutigen Montag morgen anzukündigen. Mit der Gerichtsentscheidung sei die Rodung »für die kommenden zwei Jahre vom Tisch«.

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Trotz Problemen bei der Anreise – es gab kilometerlange Staus, die Kapazitäten der Bahnen und Bahnhöfe war bis aufs Äußerste ausgereizt – kamen die Menschen am Sonnabend friedlich und fröhlich zusammen. Während viele den Reden und der Musik am Kundgebungsplatz lauschten, zeigten andere ihren Protest mit Widerstand. Die Aktion »Ende Gelände« plazierte symbolisch für die nun neu entstehenden Besetzungen Hunderte Hängematten direkt neben der Autobahn 4. Anderswo wurde bereits an neuen Baumhausdörfern gearbeitet; besonders schön könnte es in dem gerade entstehenden Wipfeldorf »Räuberhöhle« werden.

Viele derjenigen, die schon Monate oder gar Jahre im Hambi wohnen, haben sich mit frischem Mut zusammengeschlossen, um Strukturen neu entstehen zu lassen, die zuvor der bisherigen Rodung zum Opfer gefallen waren. So soll ein Dorf entstehen, mit mehreren Baumhäusern, Toilette, Küche und natürlich Traversen, welche die Behausungen untereinander verbinden. Mit viel Engagement wurde am Wochenende geplant und gearbeitet – all dies geschah jedoch tief im Unterholz und weit weg von den vielen Demonstranten. An anderer Stelle fingen Menschen an, den zur Einfriedung des Waldes von RWE angelegten Graben wieder zuzuschaufeln. Die Polizei griff nicht ein, forderte lediglich via Lautsprecher dazu auf, sich der Abbruchkante zum Tagebau nicht weiter zu nähern.

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Ungeachtet dessen konnten etliche Braunkohlegegner ins Abbaugebiet vordringen, dort formierten sie sich und bildeten die Worte »Hambi bleibt«. Der Pressesprecher von RWE, Lothar Lambertz, konnte die Aktion gegenüber jW am Sonntag bestätigen und sagte, daraufhin hätten zwei Kohlebagger abgeschaltet werden müssen. Die »Sicherheit« stehe im Vordergrund, die Aktivisten legten in seinen Worten ein »unglaublich verantwortungsloses und gefährliches Verhalten« an den Tag.

Der Konzernsprecher gab zudem zu Protokoll, dass es in der Nacht von Freitag auf Sonnabend einen Einbruch auf dem RWE-Betriebsgelände in Neurath gegeben hatte. Nach jW-Informationen hatten Aktivisten versucht, zwei Förderbänder zum Braunkohleabtransport zu stoppen. Gegenüber jW sagte Lambertz, Mitarbeiter hätten die Aktivisten an der Aktion gehindert, anschließen seien diese von der Polizei abgeführt worden. Die Polizei Aachen wollte die Festnahmen auf Nachfrage nicht bestätigen.

In Bewegung
Protest im Hambacher Forst

Von Wolfgang Pomrehn

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Widerstand im Wald: Protestaktion am 6. Oktober nahe Kerpen
Foto: Wolfgang Rattay /REUTERS

Die Ereignisse der letzten Tage waren ein einziger Schlag in die Magengrube für den Energiekonzerns RWE und weitere Freunde der Kohle. Das Verwaltungsgericht Münster mochte nicht glauben, dass ohne die Rodung des Hambacher Forstes in weiten Gebieten die Lichter ausgehen und hatte am Freitag die Motorsägen für unbestimmte Zeit gestoppt. Dann sauste der Aktienkurs des Unternehmens um mehr als acht Prozent in den Keller. Und das Verwaltungsgericht Aachen kassierte schließlich auch noch das Demonstrationsverbot am Wald. 50.000 kamen nach Veranstalterangaben am Sonnabend, um gegen die Ausweitung des Tagebaus und für einen schnellen Ausstieg aus der Kohlenutzung zu demonstrieren. Das war die bisher größte Demonstration gegen einen Tagebau in der BRD. Das Land hat also eine neue Antikohlebewegung.

Endlich, denn die deutschen Treibhausgasemissionen stagnieren seit zehn Jahren auf viel zu hohem Niveau, obwohl der Klimawandel voranschreitet. Um rund ein Grad liegt die globale Temperatur bereits über dem vorindustriellen Niveau und gut 50 Prozent des Anstiegs ist in den letzten 40 Jahren erfolgt. Je wärmer es im globalen Mittel wird, desto mehr häufen sich die zerstörerischen Folgen. Von den fünf tödlichsten Naturkatastrophen in Europa seit 1980 waren vier Hitzewellen, wie Daten des Versicherers Münchner Rück zeigen. Zumindest für die Hochtemperaturphasen der letzten beiden Jahrzehnte gibt es überzeugende Indizien, dass sie durch den Rückgang des Meereises im hohen Norden induziert waren.

Schon bei 1,5 Grad Celsius Erwärmung wird es ernsthafte Konsequenzen geben, wie etwa das Absterben der meisten tropischen Korallenriffe und die Verschärfung der Wasserkrise rund um das Mittelmeer. Das untermauert der Sonderbericht des sogenannten Weltklimarats, des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Fragen des Klimawandels). Der wurde in der Nacht zum heutigen Montag im südkoreanischen Incheon der Weltöffentlichkeit vorgestellt und fasst im Auftrag der UNO-Mitglieder den neusten Stand der Wissenschaft auf diesem Gebiet zusammen.

Doch im Augenblick sind wir weit davon entfernt, die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius beschränken zu können. Selbst das offizielle Ziel, den globalen Temperaturanstieg »deutlich unter zwei Grad Celsius« zu halten, liegt in weiter Ferne. Schuld daran haben unter anderem die Emissionen der deutschen Kohlekraftwerke, die fast die Hälfte des hiesigen Problems ausmachen. Viele von ihnen sind schon jetzt überflüssig. Es bleibt also zu hoffen, dass die Bewegung, die sich am Sonnabend am Hambacher Forst so eindrucksvoll manifestierte, in den nächsten Monaten genug Druck machen kann, damit die Kohlekommission, dem Beispiel anderer europäischer Staaten folgend, einen Ausstieg bis spätestens 2030 beschließt.


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