»Wir wollen nicht eure Scheiße fressen«

Zehntausende feierten am Samstag am Hambacher Forst den vom Oberverwaltungsgericht Münster verhängten Rodungsstopp. Ein Gespräch mit Michaela Conrad
Von Jürgen Roth

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Bei aller Freude, es eilt: Der Hambacher Forst trocknet aus (»Wald retten! Kohle stoppen!«-Demo am 6.10.)
Foto: Christophe Gateau/dpa

Michaela Conrad ist Schauspielerin und freie Theaterregisseurin. Sie geht selten auf Demonstrationen. Am vergangenen Samstag war sie auf der Kundgebung am Hambacher Forst.

Was haben Sie bei der Kundgebung am Hambacher Forst am Samstag erlebt?

Am Anfang war ich mal kurz am Waldrand und hab’ mir den Tagebau angeguckt. Das ist eine unvorstellbare Wüstenei. In den Wald, der zehn Gehminuten vom Kundgebungsgelände entfernt ist, wollte ich nicht reingehen. Es war eine unglaubliche Menschenmenge, die da eindrang.

Man sollte den Wald, den man schützen will, mal in Ruhe lassen?

Genau. Das hat später auch der Michael Zobel gesagt, der Naturführer aus Aachen, der die sonntäglichen Waldspaziergänge im Hambacher Forst veranstaltet. »Der Wald bräuchte jetzt mal eine Zeitlang Ruhe«, meinte er. Trotzdem sind sehr, sehr viele vom Kundgebungsgelände rüber zum Wald gegangen. Ich dachte nur: Das ist kon­traproduktiv. Da stimmt was nicht. Und ich musste an den Ornithologen Peter Berthold denken, der gesagt hatte, dass diese ganze Freizeitscheiße die letzten Naturräume zerstört. Das hat mich am meisten berührt: dass dieser Wald zu einem massentouristischen Ort geworden ist. Wie sollen da noch Tiere leben?

Einerseits war es toll. Der Riesenacker, auf dem die Demo stattfand, war voll, und es war völlig friedlich und zivilisiert. Es war irre: diese Masse von Menschen, die sich wie die Sau gefreut haben. Es war im Grunde eine Party und keine Demo mehr.

Es gab nur ein paar wenige Stimmen, die Wasser in den Wein gegossen haben. Einer der Redner wies ziemlich am Anfang auf die Probleme mit der Grundwasserabsenkung hin. Da hab’ ich gedacht: Na ja, dann wird sich die RWE halt sagen, schön, dann eben nicht fällen. Dann lassen wir den Wald einfach austrocknen. Der Wald ist eh am Arsch. Durch den Kohleabbau ist der Grundwasserspiegel massiv abgesunken. In Zukunft müsste der Wald dringend künstlich bewässert werden. Wer macht das dann? Wer bezahlt das dann?

Natürlich ist der gerichtlich verhängte Rodungsstopp ein Erfolg, und die Mobilisierung der Leute und der Öffentlichkeit ist wunderbar, als symbolischer Akt ist das wichtig und gut. Aber viele Redebeiträge beschränkten sich darauf, die Atmosphäre zu bejubeln. Es gab so gut wie keine Hinweise darauf, was nun anschließend politisch unternommen werden muss.

Als ich die ersten Fotos von der Demo gesehen habe, war ich seit langem mal wieder auf eine ganz naive Weise gerührt.

So ging es mir auch. Das war die eine Seite. 50.000 Leute! Ich hab’ mich mal auf ein Gatter gesetzt, da war kein Ende zu sehen! Und alle waren beseelt. Da musste ich fast heulen. Es war eine Art Woodstock-Atmosphäre. Sehr unsexy allerdings, das muss ich auch sagen.

Hat man auch Kommunisten gesehen?

Das war Teil der anderen Seite. Die Linke war präsent, der Riexinger hat gesprochen. Ich stand in der Menge, und irgendwann meinte ein Veranstalter: »Die roten Fahnen da, die stören die Sicht!« Dann mussten sie die runternehmen. Das fand ich richtig scheiße. Und ein Typ neben mir brummte: »Glaubst du, du kriegst ’ne grüne Politik mit ’nem kapitalistischen System hin?« Die Fahnen waren dann weg.

Es haben auch Leute von der SPD und den Grünen Reden gehalten. Sind die nicht ausgepfiffen worden? Die haben als rot-grüne Regierung in NRW diesen Dreck doch 2016 beschlossen.

Doch, die sind ausgepfiffen worden. Die Annalena Baerbock und Jochen Flasbarth von der SPD, aus dem Bundesumweltministerium, haben Glückwünsche ausgesprochen und ihren Dank zum Ausdruck gebracht und wurden währenddessen ausgebuht.

Im WDR-Fernsehen lief ein schändlicher Beitrag, in dem betont wurde, Omas und Kinder und Bürger aller Couleur seien da, aber es sei immer noch diese radikale Minderheit vor Ort. Ohne die Umweltaktivisten wäre ja nie etwas ins Rollen gekommen.

Nein, ausnahmslos jeder Redner hat sich bei den Baumbesetzern bedankt. Deren herausragende Rolle wurde groß herausgestellt. Auch die Bands hatten extra Songs für sie geschrieben.

Im Zusammenhang mit dem Hambacher Forst ist etwas ziemlich Seltenes geschehen, zumal vor dem Hintergrund der Geschichte der Bundesrepublik: Man muss der deutschen Justiz dankbar sein. Es hätte niemand damit gerechnet, dass das Oberverwaltungsgericht Münster RWE und der Landesregierung vor den Karren fährt.

Das hatte aber auch damit etwas zu tun, dass die Kampagne mehr als eine Million Unterstützer hat. Aber ja, im Prinzip war es die perfekte Verkettung: So müsste die Revolution ablaufen. Die Widerstandsstrategie ist vorerst aufgegangen. Die waren ja schon sechs Jahre in diesem Wald, und plötzlich nimmt der Aktionismus eine Wendung, wie sich die Vordenker des Klassenkampfes das immer gewünscht haben: Irgendwann begreift auch der katholische Arbeiter, dass er Teil von unserem Fleische ist. Es hatte etwas davon – eine schöne Erkenntnis. Das hat mich schon berührt. Man merkt, dass man nicht allein ist mit seiner doofen Sicht auf die Welt.

Aber der Wald, glaube ich, wird das nicht überleben – diese Massen und diesen Aufruhr und dieses Theater. Und der Redner von Campact sagte: Wir sind kurz vor knapp, es eilt. Absolut richtig, es eilt alles. Und trotzdem war der Tenor, dass das alles noch gut werden kann, dass man all die Kippunkte noch nicht überschritten habe. Man hat die aber alle schon überschritten. Das weiß man ja. Vielleicht ist noch das eine oder andere zu retten oder einzudämmen, aber die Naturverhältnisse sind wesentlich katastrophaler, als das auf diesem Happening klang. Es wurde nicht darüber gesprochen, wie der Zustand tatsächlich ist und worum es wirklich geht.

Na ja, jetzt hat man ein Nahziel, und wahrscheinlich ist das dann auch richtig. Und es waren extrem viele junge Leute da, die sagen: Wir wollen auch leben. Offenbar entsteht da eine Bewegung, die sagt: Wir wollen nicht eure Scheiße fressen.

Eine letzte Frage: Ist das böse K-Wort, das Wort »Kapitalismus«, mal gefallen?

Nein. In keiner einzigen Rede. Von Profit wurde schon gesprochen, aber das K-Wort wurde nicht erwähnt.


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