Wahlkampf mit Waffe

Methoden wie in Weimarer Republik: AfD-Mitglied bedroht Anwohner in Frankfurt am Main mit Schusswaffe
Von Peter Schaber

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Steigende Gewaltbereitschaft: Übergriffe gegen Kritiker der rechten »Alternative für Deutschland« werden immer brutaler (AfD-Demonstration in Torgau, 6.9.2017)
Foto: Reinhard Krause/REUTERS

Am vergangenen Sonntag nachmittag gegen 17 Uhr sah Güven O. in der Nähe seiner Wohnung in Frankfurt-Seckbach zwei Wahlkämpfer der rechten »Alternative für Deutschland« (AfD). Güven O., der selbst migrantische Wurzeln hat, war empört. Er sprach die Rechten an. »Ihr bringt Gift in diese Siedlung mit eurem Scheiß, habe ich zu ihnen gesagt«, so O. am Dienstag gegenüber junge Welt. »Wir wollen euch nicht hier«, habe er noch hinzugefügt.

Was dann passierte, hatte auch Güven O. nicht erwartet. Einer der AfD-Wahlkämpfer, der »Islamkritiker« Zahid Khan, wurde lauter, aggressiver. Die Auseinandersetzung eskalierte. »Er machte seine Tasche auf, holte eine Waffe raus und lud durch«, so Güven O. »Dann hat er sie auf mich gerichtet, gesagt, dass er mich erschießen wird. Und dass ich der ›Teufel‹ sei«, erinnert sich O. »Als er bemerkte, dass er gefilmt wird, steckte er die Waffe in die Jackentasche.«

Die Pressestelle der Frankfurter Polizei bestätigte am Dienstag gegenüber jW, Kenntnis von dem Vorfall zu haben, wollte sich aber nicht zu Details äußern. Ermittelt werde, so Pressesprecher André Sturmeit, wegen »wechselseitiger Körperverletzung«. Zudem wisse man noch nicht, ob auch Ermittlungen wegen Sachbeschädigung an »Flyer und Equipment« der AfD gegen Güven O. aufgenommen würden.

Ein Video des Vorfalls, das jW exklusiv vorliegt, dokumentiert zumindest eine Tätlichkeit seitens Zahid Khans. Der Handyfilm setzt nicht zu Beginn des Streits ein, aber man erkennt, wie Khan die rechte Hand an einem Gegenstand in seiner Jacke hält, sich auf O. zubewegt und nach ihm tritt.

Der Fall wirft zahlreiche Fragen auf: Wenn Khan illegal eine Waffe mit sich führte, warum wurde er nicht verhaftet? Falls er allerdings dazu berechtigt gewesen sein sollte, eine Schusswaffe nicht nur zu besitzen, sondern zu führen, muss geprüft werden, wie er diese Erlaubnis erhielt. Khan ist bekannt für äußerst exzentrische Auftritte, nennt sich im Internet den »neuen Propheten Gottes«.

Die Bedrohung eines unbewaffneten politischen Gegners mit einer Schusswaffe ist indes nur der jüngste Höhepunkt einer Reihe rhetorischer wie handgreiflicher Entgleisungen aus den Reihen der völkisch-rassistischen »Alternative für Deutschland«. Ende August sollen AfD-Anhänger einen im hessischen Hanau gegen die Rechtspartei protestierenden Gewerkschafter »bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt« haben, berichtete die Frankfurter Rundschau. Am 12. Oktober feuerte, so ein Bericht des Bayerischen Rundfunks, ein AfD-Wahlkämpfer nach einer Kundgebung in Regensburg aus einem Auto heraus eine Schreckschusspistole ab – angeblich, da er von »Unbekannten« bedroht worden sei. Am 18. Oktober berichtete das Hamburger Abendblatt, der Staatsschutz habe Ermittlungen wegen Drohungen von AfD-Anhängern gegen den Kaltenkirchener Bürgermeister Hanno Krause aufgenommen.

»Solche Methoden erinnern an Vorgänge aus der Weimarer Republik, als die Nazis für ihre Agitation bewaffnete Sturmkommandos aufgestellt hatten«, kommentierte am Dienstag Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, gegenüber junge Welt. »Dieser Vorfall darf nicht einfach ad acta gelegt und als normal verbucht werden.« In der AfD finde eine rasante Verrohung im Umgang mit politischen Gegnern statt, so Jelpke. »Gewaltaufrufe sind für viele Mitglieder und Funktionäre normal, und für dementsprechende Taten haben sie Sympathie. So entsteht in Deutschland ein Klima, in dem der Rechtsterrorismus gedeihen kann«, warnte die Linken-Abgeordnete.


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