100 Jahre Leichenschändung

Von Arnold Schölzel

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Demonstration in Berlin anlässlich des 100. Jahrestags der Ermordung von Rosa und Karl in Berlin (13.1.2019)
Foto: Po-Ming Cheung

Die Woche beginnt die bei vielen als linksliberal geltende Frankfurter Rundschau (nach der Insolvenz von März 2013 bis April 2018 zu 90 Prozent im Besitz der FAZ, die ihre Anteile im April 2018 an den Zeitungsverleger Dirk Ippen verkaufte) am Montag mit einem ganzseitigen Porträt Rosa Luxemburgs auf der Titelseite und schreibt dazu: »Verehrt und verklärt. 100 Jahre nach dem Mord an Rosa Luxemburg muss die Erinnerung an Deutschlands wichtigste linke Politikerin endlich von falschen Gewissheiten befreit werden.« Für Aufklärung hat sie den ostdeutschen SPD-Politiker Wolfgang Thierse gewonnen. Der schlägt als echter DDR-Widerständler Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verbal noch einmal tot: »Aber welche Wahl hatte denn die sozialdemokratisch geführte Regierung? Entweder Aufstand und Chaos oder Ordnung, Sicherheit, Versorgung herzustellen und den Weg in eine normale Demokratie zu gehen.« Ebert und Noske haben demnach in einer Art Befehlsnotstand für den Mord grünes Licht gegeben, der war alternativlos. Das Chaos, das wegen Weltkrieg, Maximalprofiten auf der einen und Hunger auf der anderen Seite längst existierte, das Ebert und seine verbündeten konterrevolutionären kaiserlichen Offiziere steigerten, ist für einen wie Thierse unmaßgeblich. Wichtiger ist, das Ammenmärchen vom »Aufstand« gegen die »Ordnung« herunterzubeten. 100 Jahre Leichenschändung sind nicht genug.

In der Interviewfassung, die von der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurde, fehlt eine Passage. Aber am selben Tag erscheint das Interview in längerer Form auch auf der Internetseite der Dresdner Neuesten Nachrichten, die Partner im »Redaktionsnetzwerk Deutschland« (RND) ist. Das RND beliefert insgesamt 50 Tageszeitungen und ist eine Gründung der Madsack-Mediengruppe, deren größte Kommanditistin mit etwa 23 Prozent das Medienbeteiligungsunternehmen DDVG der SPD ist. In den Dresdner Neuesten Nachrichten, die zum Verlag der Leipziger Volkszeitung und damit auch zu Madsack gehört, ist zu lesen, dass Thierse es sich nicht nehmen ließ, die Teilnehmer des Gedenkens an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu beschimpfen: »Der Marsch nach Friedrichsfelde ist verlogen, auch heute noch. Man ehrt ohne Unterschied auch Antidemokraten wider besseres historisches Wissen.«
Über das verfügt zum Glück Thierse, der in den 1990er Jahren für sich in Anspruch nahm, »Mundwerk des Ostens« zu sein. Nur die deutschen Faschisten, die den Mord an den von Thierse so betitelten Antidemokraten ganz im Sinne der Antibolschewistischen Liga von 1918/1919 und der damaligen SPD-Führung systematisch und zur Vorbereitung des nächsten Weltkriegs fortsetzten, unterbanden bisher den Gang im Januar nach Berlin-Friedrichsfelde. Ab 1990 versuchten es die nicht mehr antidemokratischen Behörden des »vereinten« Berlins mehrfach, scheiterten aber am Protest.

Etwas »verlogen« zu finden, ist kein Aufruf zum Verbot, aber dieses bei solchem Urteil wohl eine Erwägung wert. Thierse selbst ist nicht so verlogen wie die Antibolschewistische Liga, die um die Jahreswende 1918/1919 in Berlin tausendfach plakatieren ließ: »Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Rettet es! Es wird nicht von außen bedroht, sondern von innen: von der Spartakusgruppe. Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben. Die Frontsoldaten.« Die Liga wurde von Bankiers und Großindustriellen mit Millionensummen finanziert und konnte ihre Ansichten in zahlreichen gleichgesinnten Tageszeitungen, darunter dem sozialdemokratischen Vorwärts, veröffentlichen. Thierse ruft nicht zum Mord auf, er rechtfertigt ihn nur. Für seine Gewissheiten stellen Milliardäre und die SPD auch heute gern ihre Blätter zur Verfügung.

Zitat des Tages:
Es gab radikalisierte Elemente in der Arbeiterschaft. Die waren nun [sic!] mit Waffengewalt zu besiegen. Das bleibt ein schmerzlicher Vorgang, auch im Rückblick, aber man kann doch wissen, dass der Weg, der dann eingeschlagen wurde, der bessere war.
Exbundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) in der Leipziger Volkszeitung auf die Frage, ob die SPD im Januar 1919 Schuld auf sich geladen habe


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