Die Tat und die Täter

Vier Wochen nach der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts schilderte Leo Jogiches im KPD-Zentralorgan Die Rote Fahne Einzelheiten der Taten. Wir dokumentieren einen Auszug

https://www.jungewelt.de/img/700/117167.jpg

Leo Jogiches: Mord an Liebknecht und Luxemburg. Die Tat und die Täter. In: Die Rote Fahne, Nr. 26, Mittwoch, 12. Februar 1919 (ungezeichneter Artikel)

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind am Abend des 15. Januar 1919 beim Stabe der Garde-Kavallerie-Schützen-Division eingeliefert worden. Sie waren von der Wilmersdorfer Bürgerwehr unter Führung zweier Mitglieder, Lindner und Mehring, festgenommen worden.
Die Festnahme war ein Rechtsbruch. Es bestand kein Haftbefehl.

Selbst wenn sie verhaftet wurden, mussten sie nach den gesetzlichen Vorschriften der Polizei übergeben werden.

Es war ein Rechtsbruch und eine strafbare Freiheitsberaubung, wenn die Verhafteten nach dem Stabsquartier der Division gebracht wurden. Sie hatten auf dem Stabsquartier nichts zu suchen und das Stabsquartier kein Recht, sich mit ihnen zu befassen.

Was hat die Wilmersdorfer Bürgerwehr, was die Lindner und Mehring veranlasst, die Verhafteten nach dem Stabsquartier zu bringen?

Es besteht der dringende Verdacht, dass die Lindner und Mehring Mitwisser des Mordplanes waren.

Sind sie es nicht gewesen, hat das Stabs­quartier sie veranlasst, die Inhaftierten dorthin zu bringen, so ist das ein Beweis dafür, dass von Anfang an der Divisionsstab die Absicht hatte, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in die Hand zu bekommen, um sie, wie das Spätere zeigt, zu ermorden.

Mordplan besprochen

Karl Liebknecht ist am selben Abend gegen neun Uhr, Rosa Luxemburg etwa eine halbe Stunde später im Edenhotel, dem Sitz des Stabes, eingeliefert worden.

Rosa Luxemburg ist bereits beim Eintritt ins Hotel beschimpft worden. Ein Hauptmann Hoffmann tat sich besonders hervor dabei. Er war es, der zuerst die geplante Tat ankündigte. Er erklärte in der Halle des Hotels: »Den beiden wird heute Abend das Maul gestopft.«

Karl Liebknecht wurde gegen halb elf Uhr vom Hotel weggebracht. Er sollte, wie man erklärte, nach Moabit gebracht werden. Er wurde begleitet von dem Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Hartung, dem Leutnant Stiege, dem Leutnant Liepmann, dem Leutnant von Ritgen, dem Leutnant zur See Schulze, dem Leutnant Heinz von Pflugk-Hartung (einem Bruder des Kapitänleutnants) und dem Jäger zu Pferde Clemens Friedrich.

Alle waren schwer bewaffnet, trugen Handgranaten und entsicherte Pistolen, die Liebknecht gezeigt wurden.

In derselben Zeit standen als Doppelposten vor dem Hotel die Jäger zu Pferde Runge und Träger. Gegenüber dem Hotel hielt ein Automobil, dessen Führer ein Chauffeur namens Göttinger war, nebst einem Beifahrer.

Diese vier haben die Ausführung des Mordplanes besprochen. Sie besprachen, die zwei dürften nicht lebendig aus dem Hotel. Sie besprachen, man dürfe sie nicht erschießen, das mache zuviel Lärm. Sie besprachen, man müsse sie mit dem Kolben erledigen. Sie besprachen, man müsse das Gewehr entladen, damit beim Zuschlagen kein Schuss losgeht.

Sie haben den Mordplan ins Einzelne festgelegt. Bis auf Runge hat das Gericht noch gegen keinen eine Hand gerührt.

Lügen der Täter

Karl Liebknecht kam aus dem Hotel. Er wurde nicht durch den Hauptausgang am Kurfürstendamm geführt, sondern durch einen Nebenausgang in der Kurfürstenstraße.

Runge lief um das Hotel herum und schlug den bereits im Auto sitzenden Liebknecht zweimal von hinten mit dem Kolben auf den Kopf. Liebknecht sank halb bewusstlos zusammen. Auf der Straße war kein Mensch. Nur ein paar Soldaten. Die Offiziere standen und saßen um Liebknecht herum. Sie mussten die Schläge bemerken, sie haben sie bemerkt. Keiner hat nach dem ersten Schlag den zweiten zu verhindern versucht, keiner hat dem Mörder gewehrt, keiner auch nur ein Wort der Mahnung an ihn gerichtet.

Das Auto fuhr weg. Es fuhr nicht den Weg nach Moabit. Es fuhr am neuen See entlang in der Richtung nach der Charlottenburger Chaussee.

Wir behaupten, dass vom ersten Augenblick die Absicht bei den transportierenden Offizieren bestand, Liebknecht zu ermorden, und wir folgern das aus diesen Tatsachen:

1) Sie ließen das Automobil ohne wichtigen Grund diesen nahezu unbeleuchteten Umweg fahren.

2) Sie haben die Lüge erfunden, dass das Automobil unterwegs eine Panne erlitten habe. Dass das eine Lüge war, ergibt sich daraus, dass das Automobil sofort nach der Erschießung Liebknechts wieder gebrauchsfertig war.

3) Diese erlogene Panne trat ein genau in dem Augenblick, in dem das Automobil sich an einem völlig unbeleuchteten Nebenweg befand, also gerade an dem Punkt, den die Mörder für ihre Tat brauchten.

4) Sie haben die Lüge erfunden, Liebknecht habe einen Fluchtversuch gemacht. (…)

5) Sie haben nach der Tat Liebknechts »unbekannte Leiche« bei der Rettungsstation eingeliefert, sie haben also versucht, die Spuren der Tat zu verwischen.

Der, wie hiernach festgestellt, geplante Mord vollzog sich in der Weise, dass das Automobil an der genannten Stelle, von der ein völlig unbeleuchteter Fußweg abging, hielt, dass Liebknecht in diesen Fußweg hineingeführt und nach etwa zwanzig Schritt aus nächster Nähe erschossen wurde. Den ersten Schuss gab der Kapitänleutnant von Pflugk-Hartung ab.

Mord an einer Leblosen

Dann sollte Rosa Luxemburg abtransportiert werden. Derselbe Soldat Runge, der soeben den Mordversuch an Karl Liebknecht begangen, kehrte wieder auf seinen Posten zurück. Niemand wehrte ihm. Er stand bereit zu neuem Werk.

Rosa Luxemburg kam die Haupttreppe des Hotels herab und schritt durch den Hauptausgang. Als sie durch die Drehtür schritt, drehte Runge das Gewehr um und schlug ihr auf den Kopf. Sie sank um. Runge schlug ein zweites Mal auf den Kopf. Von einem dritten Schlag sah er ab, weil er sie für tot hielt. Der Oberleutnant Vogel muss die Schläge bemerkt haben. Denn sie wurden sogar im Innern des Hotels gehört. Er hat nichts dagegen getan. Es war ihm gleichgültig, dass Runge das Geschäft des Mordes ihm abnahm. Denn Runges Tat entsprach seinem, Vogels, Plan.

Man schob die Leblose in den Wagen, rechts und links ein Mann, darunter Vogel. Der Wagen fuhr an. Ein Mann sprang noch hinten auf und schlug die schon Leblose mit einem harten Gegenstand, etwa einer Pistole, auf den Kopf. Der Oberleutnant Vogel hat unterwegs der Leblosen alsdann die Pistole an die Schläfe gehalten, ihr noch einmal eine Kugel in den Kopf gejagt. Man fuhr mit der Toten zwischen Landwehrkanal und Zoologischem Garten entlang. Auf der Straße war kein Mensch. Nur am Ausgang des Zoologischen Gartens gegen den Landwehrkanal stand eine Gruppe Soldaten. Das Auto hielt, die Soldaten nahmen die Leiche in Empfang, und wohin sie sie gebracht haben, das war bis heute nicht zu ermitteln.

Es ist eine bewusste Lüge, wenn behauptet wird, die Leiche sei von der »Menge« oder von »Anhängern« aus dem Wagen gerissen worden. Das Auto fuhr ja einen Weg, auf dem, selbst wenn ein solcher Plan bestanden hätte, es kein Mensch erwarten konnte, es sei denn solche, die dahin bestellt waren. Es müssen die Leute, die dort waren, von denen, die den Mord planten, hinbestellt worden sein.

Rosa Luxemburg hatte, als sie leblos in das Automobil gezerrt wurde, einen Schuh verloren. Dieser Schuh wurde von Soldaten im Edenhotel als Trophäe herumgezeigt. (…)

Das sind die Tatsachen, die jedes Kind wissen kann, wenn es sie wissen will, die seit Wochen bekannt sind und auch die bei Gericht bekannt sein müssen.

Es hat daraufhin nichts getan. Es hat keinen Haftbefehl erlassen, weder das Militärgericht, noch die Staatsanwaltschaft.

Nichts ist geschehen: Gegen Runge hat man Haftbefehl erlassen, als Runge in Sicherheit war. (…) Die Ebert-Scheidemann hören nichts. Sie glauben, man könne die Wahrheit totschweigen. Sie glauben, man könne vertuschen. (…) Die Proletarier werden ihr Urteil sprechen über die Mörder und ihre Helfershelfer.


0 Antworten auf „Die Tat und die Täter“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


vier − = null