Weithin akzeptierter Massenmord

»Euthanasie«: Vor 80 Jahren begannen die Nazis mit der systematischen Tötung psychisch kranker und körperlich beziehungsweise geistig behinderter Menschen
Von Robert Parzer

70.000 von den Nazis als »lebensunwert« eingestufte psychisch kranke und behinderte Menschen wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet – Patienten der Diakonissenanstalt im bayerischen Bruckberg im Jahr 1940
Auf den 1. September 1939 ist ein mit Hitlers Paraphe gestempeltes Schreiben datiert, in dem verfügt wird, dass die »Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern (sind), dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann«. Die sehr wahrscheinlich im Oktober 1939 einer Sekretärin in der Kanzlei des »Führers« diktierten Worte boten eine Art Scheinlegitimation für die Ermordung von ca. 70.000 als psychisch krank und geistig behindert definierten Menschen in den Grenzen des Reiches von 1937 und von mehreren hunderttausend darüber hinaus im von deutschen Faschisten besetzten Europa.
Dieser Massenmord wurde später als »Aktion T4« bezeichnet. »T4« steht als Kürzel für eine Adresse: An der Berliner Tiergartenstraße 4 befand sich eine »arisierte« Villa, in der ab Ende 1939 die Mitarbeiter verschiedener Tarnorganisationen Patienten erfassten, über ihre Tötung nach Aktenlage entschieden, die Morde verschleierten und bürokratisch abwickelten. Einige hundert Meter entfernt in der Reichskanzlei hatten zuvor im Sommer 1939 Planungsgruppen, denen Beamte und Ärzte angehörten, die Umsetzung der Kinder- und Erwachsenen-»Euthanasie« besprochen. Bis 1941 wurden Patienten aus dem sogenannten Altreich in Gaskammern von sechs über Deutschland verteilten Tötungsanstalten erstickt. Nachdem vor allem Würdenträger der katholischen Kirche protestiert hatten, wurde das Mordprogramm im Sommer 1941 offiziell gestoppt. Es wurde allerdings weniger sichtbar in den Anstalten selbst bis kurz nach Kriegsende fortgesetzt. Die Art der Tötung war nun eine andere: Betäubungsmittel und Hunger ersetzten die Gaskammer. Die Ermordung weitgehend wehrloser Menschen erfolgte nun nicht mehr auf Grundlage zentraler Anordnungen, sondern weitgehend auf Initiative einzelner Ärzte und Pfleger.

Alles vererbt

Dass es so wenig Widerstand gegen die Ermordung psychisch kranker und geistig bzw. körperlich behinderter Menschen gab, hat viele Gründe, von denen die Drohung mit KZ und Gestapo einer war, der nach 1945 häufig als entschuldigendes Argument vorgebracht wurde. Zum Einverständnis oder zumindest zur Duldung des Massenmordes trug aber vor allem bei, dass die Vorstellung, es gäbe »lebenswertes« und »lebensunwertes« Leben, keineswegs erst mit der Naziherrschaft aufkam. Wissenschaftler, Politiker, Ärzte und Pfleger konnten auf bereits lange vorhandene und weit verbreitete Vorstellungen vom gesellschaftlichen Niedergang durch die angebliche Vorherrschaft schlechter, vererbbarer Eigenschaften zurückgreifen, um die Maßnahmen des »Dritten Reiches« einzuordnen und zu rechtfertigen.
Landläufig wird die Lehre von den guten und den schlechten Genen »Eugenik« genannt. Der Begründer der »Eugenik« war der Schotte Francis Galton (1822–1911). Der wissenschaftliche Amateur interessierte sich für Statistik, Meteorologie, Geographie, Psychologie und Vererbungslehre und war insofern ein typisches Beispiel für einen Vertreter des niederen Adels, zu dessen Habitus eben auch die Beschäftigung mit Wissenschaft gehörte. Heutzutage würde er wohl auf keine Tagung eingeladen werden, dafür aber längliche Koreferate halten. Galton entwickelte, kurz gesagt, die Theorie, dass Talent und Charakter überwiegend vererbt würden, der Einfluss der Umwelt sei vernachlässigbar. Seine Datengrundlage für dieses Aussage beruhten auf einer Art »Bio-Genealogie«. Er verglich die Karriereverläufe von Mitgliedern berühmter Familien, die er zeitgenössischen biographischen Lexika entnahm, und kam zu der Schlussfolgerung, dass berühmte Familien begabteren Nachwuchs hervorbringen als durchschnittliche. Hieraus leitete er seine Konzeption zur »Verbesserung der menschlichen Rasse« ab: Erstens sollten die Überdurchschnittlichen mehr Kinder zeugen als andere, zweitens sollten die von ihm so genannten »Untauglichen« weniger Kinder haben.
Natürlich entstand Galtons Idee einer künstlichen Selektion nicht im luftleeren Raum. Er formulierte sie vor dem Hintergrund einer fundamentalen Umwälzung im Prozess der europäischen und insbesondere der britischen Industrialisierung. Entgegen den Erwartungen der Sozialdarwinisten verschwand nämlich das vorwiegend städtische Proletariat nicht einfach beim »Kampf ums Dasein«. Insbesondere Vertreter des Manchester-Liberalismus hatten gehofft, dass Arbeiter, denen es nur schlecht genug gehe, sich einfach nicht fortpflanzen würden. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Hier bot Galtons Konstrukt eine willkommene Perspektive. Das Ziel der »umfassenden Volksgesundheit« auf der Grundlage angewandter »Zuchtwahl« erwies sich in der Folge als äußerst anschlussfähig. Die »Eugenik« erschien als ein Mittel, mit dem man sich in die Lage versetzt fühlte, die Gesellschaft entscheidend zu verbessern.
In Deutschland wurde mit der »Gesellschaft für Rassenhygiene« im Jahr 1905 die weltweit erste eugenische Gesellschaft begründet. Die Grundlage dafür lieferte der Arzt Wilhelm Schallmayer mit einer Schrift unter dem bezeichnenden Titel »Die drohende physische Entartung der Culturvölker«. Er forderte, die Träger besonders schlechter leiblicher und geistiger Erbanlagen sollten soweit als möglich von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden, z. B. durch Eheverbot, Sterilisierung und Zwangsasylierung. Ergänzend sollten Menschen mit günstigen Erbanlagen durch Steuerreformen, Kinderzulagen und Propagierung des Ideals kinderreicher Familien dazu motiviert werden, mehr Kinder zu zeugen. Die »Gesellschaft für Rassenhygiene« betrieb weltweit eine proeugenische Propaganda und gründete quasi im Anschluss an die Gründung der nationalen deutschen Gesellschaft gleich die »Internationale Gesellschaft für Rassenhygiene«. Die Mitglieder waren elektrisiert von Nachrichten aus den USA, dass dort in Cold Spring Harbor ein Laboratorium für experimentelle Evolutionsforschung eingerichtet worden sei. Kontakte wurden auch nach Skandinavien und Großbritannien geknüpft. Im Mutterland der Eugenik blieb man den Deutschen gegenüber allerdings skeptisch. Sie galten als Emporkömmlinge, denen es an der wissenschaftlichen Grundierung fehle.

Sozialdemokratische Debatte

Da das von Galton entwickelte Konzept nichts weniger als die Lösung der sozialen Frage versprach, beschäftigten sich auch sozialistische und sozialdemokratische Parteien intensiv mit der Eugenik, tat sich doch hier eine Möglichkeit technokratischer Planung analog zur Planung der Wirtschaftstätigkeit auf. Vor allem die Sozialdemokratie war, von einigen kritischen Stimmen abgesehen, fasziniert von der Vorstellung, mittels entsprechender Maßnahmen das Problem des sogenannten Lumpenproletariats, das vielfach als »unbelehrbar« und »kriminell« galt, in den Griff zu bekommen. Karl Kautsky etwa argumentierte, man dürfe nicht, wie es die bürgerlich-reaktionäre Wissenschaft wolle, zu einem angeblichen Urzustand der »natürlichen Zuchtwahl« zurückkehren, bei der die »Schwachen« einfach ausgemerzt würden. Er forderte statt dessen die Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände der Individuen durch eine Vollendung der Beherrschung der Natur, worunter er auch eugenische Maßnahmen verstand. Als Legitimation für den Einsatz solcher Methoden und Mittel galt die Weimarer Reichsverfassung, die in ihrem Artikel 119 die Politik dazu verpflichtete, für die »Reinerhaltung, Gesundung und soziale Förderung« der Familie zu sorgen. Dort, wo innerhalb der Arbeiterbewegung Widerspruch gegen die Eugenik geäußert wurde, war er oft pragmatisch und nicht prinzipiell begründet. So galt die Eugenik vielen Kritikern nicht zuletzt als undurchführbar.
Eine wichtige Rolle in bezug auf die Position der Sozialdemokratie spielte der Arzt und SPD-Reichstagsabgeordnete Alfred Grotjahn, der an der Berliner Charité eine Professur für Sozialhygiene innehatte. Das Ziel seiner akademischen Tätigkeit war die »Verhütung der Degeneration«. Dies sollte einerseits dadurch geschehen, dass eine »hygienische Kultur« alle Menschen umfassen, andererseits diese Kultur auch auf die Nachkommen angewendet werden solle. Da­runter verstand Grotjahn auch eine eugenische Geburtenregelung. So forderte er eine Hebung des Lebensstandards bei nicht erblich »Belasteten«. Umgekehrt sollten »Belastete« zwangsweise in Anstalten verbracht und so von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. In schweren Fällen erwog Grotjahn auch den Schwangerschaftsabbruch und die Sterilisation. So schlug er vor, bei »ausgeprägtem Schwachsinn« und einer »erblich bedingten Geistesstörung« die Betroffenen nach ihrer Einwilligung oder der ihres gesetzlichen Vertreters sterilisieren zu lassen.

Grotjahn verstand seinen Ansatz als »Fortpflanzungshygiene« und grenzte sich von der zweiten großen deutschen eugenischen Schule, den »Rassehygienikern« rund um Alfred Ploetz und Fritz Lenz in München, ab. Mit deren »pseudowissenschaftliche(r) theoretische(r) Grundlage des Antisemitismus und des Arierfimmels« wollte er nichts zu tun haben. Rassistische Stereotype, etwa über die »unkultivierten Slawen« und deren Kinderreichtum, denen gegenüber Deutschland »seine geschichtliche Sendung« mittels eines »starken Bevölkerungsauftriebs in allen Städten und Stämmen des gesamten Volkes« erfüllen müsse, finden sich jedoch an verschiedenen Stellen auch in seinen Schriften. Innerhalb der Sozialdemokratie wurde Grotjahn, der 1921 den gesundheitspolitischen Abschnitt des Görlitzer Programms der SPD verfasste, im Laufe der 1920er Jahre immer mehr an den Rand gedrängt. Sein Beispiel zeigt aber, dass eugenische Politik keinesfalls ein Monopol der Nazis war.
Insofern mag es nicht verwundern, wenn schon lange vor dem 30. Januar 1933 allerorten die Anwendung der negativen Eugenik, also die aktive Verringerung schlecht bewerteter Erbanlagen, gefordert wurde. Einer derjenigen, die noch während des Ersten Weltkriegs den Untergang (allerdings nicht den der zerschossenen Soldaten in den Schützengräben und der halb und ganz Verhungerten an der »Heimatfront«, sondern den des »Volkes«) herbeiphantasierte, war der österreichische Anatom Julius Tandler, der später im »Roten Wien« als Stadtrat für Wohlfahrt- und Gesundheitswesen wirkte. Im Jahr 1916 schrieb er: »Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass gerade durch den Umstand, dass so viel Untüchtige, also Minusvarianten, infolge des Krieges zur Reproduktion kommen, die Gefahr der Vermehrung dieser Minusvarianten für die nächste Generation größer ist als für die heutige und dass damit die nächste Generation noch mehr bemüßigt sein wird, diese Minusvarianten zu erhalten und zu stützen. So grausam es klingen mag, muss es doch gesagt werden, dass die kontinuierlich immer mehr steigende Unterstützung dieser Minusvarianten menschenökonomisch unrichtig und rassenhygienisch falsch ist.«

Sterilisation als Allheilmittel

Nach dem Weltkrieg stieg die Zahl »rassehygienischer« Lehrveranstaltungen an den Universitäten rapide an. 1927 erfolgte die Gründung des »Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin. Bald traten immer mehr Ärzte hervor, die in Fachzeitschriften und öffentlichen Vorträgen die Sterilisation als eine Art Allheilmittel für die sozialen Probleme der Gegenwart priesen. 1928 befasste sich der gar Strafrechtsausschuss des Reichstages mit der Frage der Sterilisation von Sicherungsverwahrten und in Heil- und Pflegeanstalten Untergebrachten. Der Ausschuss verwies die Angelegenheit an einen Unterausschuss, wo sie allerdings nicht weiter bearbeitet wurde. Auch in kirchlichen Kreisen gab es durchaus Befürworter der Sterilisation. 1931 ließ der Zentralausschuss der »Inneren Mission« der evangelischen Kirche verlauten, »dass in gewissen Fällen die Forderung zur künstlichen Unfruchtbarmachung religiös-sittlich als gerechtfertigt anzusehen ist«.
Ihren Höhepunkt erreichte die Debatte 1932 mit dem »Entwurf eines Sterilisierungsgesetzes« vorgelegt vom Preußischen Landesgesundheitsrat, dem Gesundheitsministerium des größten und mächtigsten Gliedstaates der Weimarer Republik. In den Ausführungsverordnungen schrieben die Autoren des Gesetzes, die Ärzte und Juristen Arthur Gütt, Ernst Rüdin und Falk Ruttke: »Ziel der dem deutschen Volk artgemäßen Erb- und Rassenpflege ist: eine ausreichende Zahl Erbgesunder, für das deutsche Volk rassisch wertvoller, kinderreicher Familien zu allen Zeiten. Der Zuchtgedanke ist Kerngehalt des Rassegedankens. Die künftigen Rechtswahrer müssen sich über das Zuchtziel des deutschen Volkes klar sein.« Der von führenden Eugenikern ausgearbeitete Entwurf hatte durchaus Aussicht auf Erfolg. Zu einer Verabschiedung kam es aber aufgrund der Entmachtung der preußischen Regierung und des Parlaments durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (»Preußenschlag«) nicht mehr. Das Gesetz diente den Nazis schließlich im Juli 1933 als Vorlage für das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat.
Zwar gibt es keine direkte Verbindung zwischen den zwischen 1934 bis 1939 massenhaft durchgeführten Zwangssterilisationen und den »Euthanasie«-Morden. Dennoch bildet das eugenische Denken letztlich eines der Fundamente, auf dem die Gaskammern gebaut wurden.
Die erste dieser Vernichtungseinrichtungen wurde im besetzten Polen in Poznan (Posen) errichtet, der Hauptstadt des 1939 nach dem Überfall auf das Nachbarland errichteten Reichsgaus Wartheland. Mitglieder eines polnischen Arbeitskommandos im ehemaligen Fort VII, einer preußischen Festung, die ab Oktober 1939 als Konzentrationslager genutzt wurde, berichteten später von einem Raum, in den psychisch Kranke geführt und vergast worden sind. Die Opfer dieser »Probevergasungen« waren Patienten der Anstalten Owinska (Owinsk) und Dziekanka (Tiegenhof) sowie der Psychiatrischen Klinik der Stadt Poznan. Im Dezember 1939 wurden diese Tötungen schließlich mit einem eigens konstruierten Gaswagen weitergeführt. Zeugen beschrieben den Wagen als eine Art Sattelschlepper oder Möbelwagen, der die Aufschrift »Kaisers Kaffee Geschäft« trug. Mit diesem Wagen fuhren Mitglieder des Sonderkommandos Lange, das nach Herbert Lange, einem Aachener Kriminalkommissar und späteren Kommandanten des Vernichtungslagers Chelmno (Kulmhof), benannt war, durch den Gau und ermordeten sukzessive die Patienten der psychiatrischen Krankenhäuser.

Späte Entschuldigung

Die Verbrechen an psychisch Kranken und behinderten Menschen waren für die Vertreter der deutschen Psychiatrie nach 1945 lange Zeit kein Thema. Erst im Jahr 2011 entschuldigte sich der damalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, Frank Schneider, öffentlich bei den Opfern und ihren Angehörigen. Er initiierte ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Fachgesellschaft und brachte eine Wanderausstellung auf den Weg. Seit dem Jahr 2014 existiert an der Berliner Tiergartenstraße hinter der Philharmonie, am Ort der Planung der Verbrechen, ein Gedenk- und Informationsort. Bis dahin war es ein langer Weg. Die wenigen Überlebenden wurden nach 1945 ignoriert. Ihre Forderungen nach Anerkennung und Entschädigung wurden von beiden deutschen Staaten zurückgewiesen. Es bleibt kritisch zu beobachten, wie sich die Kultur des Gedenkens an die Opfer der Euthanasiemorde angesichts der aktuellen politischen Situation entwickeln wird.


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