Naziaufmarsch erfolgreich blockiert

Von Felix Schlosser
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Träumen von rückwärts gewandter »Revolution«: Anhänger der faschistischen Kleinpartei »III. Weg« am Samstag in Berlin

Die faschistische Kleinstpartei »Der III. Weg« ist am Samstag in Berlin nicht weit gekommen: Ihren Aufmarsch unter dem Motto »Ein Volk will Zukunft« am Nachmittag des 3. Oktober im Bezirk Lichtenberg hatten sich die Neonazis sicher anders vorgestellt. Erst mit zweistündiger Verspätung konnten die rund 250 Rechten starten, Sammelpunkt war der S-Bahnhof Wartenberg. Nach einigen hundert Metern war dann schon wieder Schluss, da zahlenmäßig deutlich überlegene Gruppen von Antifaschisten die Route mit Blockaden – unter anderem auf der Zingster- und Ribnitzer Straße – versperrt hatten. Schließlich blieb den Nazis statt einer kilometerlangen Wegstrecke nur eine kleine Schleife um einen Neubaublock, am Abend standen sie dann wieder am Bahnhof Wartenberg und hielten ihre Abschlusskundgebung. Viele Teilnehmer des Aufmarschs trugen Kleidungsstücke mit dem Emblem der Kleinstpartei oder andere Szenekleidung mit Aufdrucken, die sich positiv auf den deutschen Faschismus bezogen. Auch eine Trommel war im Einsatz, ununterbrochen wurden rassistische Parolen gegrölt.

Unter dem Motto »III. Weg versenken« hatten linke Gruppen im Vorfeld zu dezentralen Aktionen und Blockaden aufgerufen. Auch zahlreiche andere Initiativen und Bündnisse hatten neben autonomen Antifagruppen an diesem Tag insgesamt mehrere Tausend Menschen nach Hohenschönhausen mobilisiert. Neben verschiedenen Kundgebungen, die als Anlaufpunkte dienten, schafften es die Antifaschisten immer wieder, direkt an die Aufmarschroute der Nazis zu gelangen. Dabei kam es zur Errichtung kleinerer Blockaden, vereinzelt wurden auch Steine und Flaschen auf die Teilnehmer geworfen.

Es sei »ein wichtiges Zeichen, dass der III. Weg in Hohenschönhausen nur eine verkürzte Strecke laufen konnte«, zeigte sich Ulrike Sommerfeld, Sprecherin des Bündnisses »Gemeinsam gegen Rassismus« (Hohenschönhausen) am Samstag im Gespräch mit junge Welt sichtlich erfreut. »Die vielfältigen Protestformen haben gut ineinandergriffen und der Polizei kaum eine andere Möglichkeit gelassen, als den Aufmarsch zu beschränken«, so die Aktivistin weiter. Die überwiegende Mehrheit der angereisten Neonazis war nicht aus Berlin, da der »III. Weg« hier kaum über Strukturen verfügt und andere rechte Gruppen aus der Stadt eher die Distanz suchen. Zwischenzeitlich versuchten Nazis aus dem Aufmarsch auszubrechen und gingen die begleitenden Polizisten auch mit Quarzsandhandschuhen an. Auch Journalisten wurden zum Ziel von Angriffen einzelner Nazis, was durch die Polizei nicht unterbunden wurde. Die Beamten wirkten im Verlauf des Tages häufig überfordert, gerieten oft mit Antifaschisten aneinander und nahmen immer wieder Menschen gewaltsam unter Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken fest. Pressevertreter berichteten, dass auch sie Ziel polizeilicher Maßnahmen wurden und eine uneingeschränkte Berichterstattung nicht möglich war.

»Die Gewalt, mit der die Polizei bei den Protesten vorgegangen ist, passt in die gegenwärtige Situation um faschistische Strukturen in staatlichen Behörden«, erklärte Ulrike Sommerfeld von »Gemeinsam gegen Rassismus« gegenüber jW am Abend. »Menschenverachtendes Verhalten in Uniform dürfe nicht toleriert werden«, bekräftigte sie.

Junge Welt Online Extra vom 04.10.2020


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