Zur Geschichte der antifaschistischen Aktion

Vor ca. 80 Jahren wurde die antifaschistische Aktion ins lebengerufen. Von der Gründung bis heute ist ein langer Weg. Um sich darüber zu informieren ist das Heft “ 80 JAHRE ANTIFASCHISTISCHE AKTION“ zu empfehlen. HRSG.: Verein zur Förderung antifaschistischer Kultur. Du findest sie unter dem Folgenden Link zum kostenlosen Download als PDF Datei.
„80 JAHRE ANTIFASCHISTISCHE AKTION“ [Hier]

Der Beginn des Terrors

Von Reimar Paul

Vor 80 Jahren errichteten die Nazis in der niedersächsischen Kleinstadt Moringen eines ihrer ersten Konzentrationslager

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Moringen, nur rund 20 Kilometer von der Universitätsstadt Göttingen entfernt: Standort eines der ersten KZ

Moringen ist eine Kleinstadt am Solling, rund 7000 Einwohner, eine Handvoll eingemeindeter Dörfer mitgerechnet. Im Landeswerkhaus – das 1738 errichtete Gebäude diente zunächst als Waisenhaus, ab 1866 als Arbeitshaus für sogenannte Korrektionshäftlinge – richteten die Nationalsozialisten vor 80 Jahren eines ihrer ersten Konzentrationslager ein. Die nach der »Verordnung zum Schutze von Volk und Staat« vom 28. Februar 1933 einsetzenden Massenverhaftungen hatten schnell zur Überfüllung der Gefängnisse geführt. Daran erinnern dieser Tage Bürgerinitiativen und die Moringer KZ-Gedenkstätte mit mehreren Veranstaltungen.

Am 11. April 1933 traf die erste größere Gruppe männlicher Gefangener in Moringen ein. Sie stammten größtenteils aus der Region: »Schutzhäftlinge« aus dem Gerichts- und Polizeigefängnis Hannover sowie aus dem Landkreis Northeim und dem angrenzenden Kreis Uslar. Die Moringer Zeitung berichtete über dieses Ereignis und lobte die wirtschaftliche Bedeutung der neuen Haftstätte für die Stadt: »Wie sehr auch an sich die Notwendigkeit der Inhaftierung dieser irregeleiteten Volksgenossen zu bedauern ist, so bedeutet doch ihre Überführung in das hiesige Werkhaus für unsere Stadt einen außerordentlichen wirtschaftlichen Gewinn, da, wie wir gehört haben, die Direktion nach Möglichkeit alle notwendig werdenden umfangreichen Aufträge der hiesigen Geschäftswelt zukommen läßt.«

Insgesamt waren in diesem früh eingerichteten KZ ungefähr 1000 Männer eingesperrt. Ihre Haft dauerte teils nur wenige Tage, in anderen Fällen mehrere Wochen oder Monate. Die Mehrzahl der Häftlinge waren zunächst Kommunisten, nach dem Verbot der SPD und der Gewerkschaften kamen zunehmend auch deren Mitglieder dazu.

Zu ihnen gehörte auch Richard Borowski. Wenige Tage nach dem Verbot der sozialdemokratischen Partei brachte die Polizei den Parteisekretär des Unterbezirks Göttingen für mehrere Wochen in das Konzentrationslager Moringen. Nach dem Krieg wurde Borowski niedersächsischer Innenminister.

Im November 1933 wurde dieses erste Lager aufgelöst, die männlichen Häftlinge wurden in Polizeiaufsicht entlassen oder in andere Konzentrationslager überstellt. Unmittelbar darauf folgte im selben Gebäude die Errichtung des Moringer Frauen-KZ. Bis zur Auflösung 1938 waren dort rund 1350 Frauen inhaftiert, zum überwiegenden Teil Zeuginnen Jehovas. Zwischen 1940 und 1945 war Moringen unter der Bezeichnung »polizeiliches Jugendschutzlager« ein KZ für männliche Jugendliche. Die Gefangenen im Alter von 12 bis 22 Jahren kamen aus dem deutschen Reichsgebiet und aus den von deutschen Truppen besetzten Ländern Europas. Als sozial, rassisch, religiös oder politisch verfolgte junge Menschen waren sie SS-Terror, Zwangsarbeit, Hunger und drakonischen »Erziehungsmethoden« ausgesetzt. Viele von ihnen starben, wurden zwangsweise sterilisiert oder in andere Konzentrationslager deportiert.

Unter Leitung des Nazi-Arztes Robert Ritter versuchten sogenannte Kriminalbiologen, ihre These, daß Kriminalität und »Asozialität« erblich bedingt seien, mit Untersuchungen an den Moringer Häftlingen zu belegen. Im Rahmen der NS-Rassenbiologie sollte auf der Basis der in Moringen geschaffenen »wissenschaftlichen« Grundlagen die rassistische Rechtfertigung für die Ermordung oder Unfruchtbarmachung ganzer Bevölkerungsgruppen in Deutschland und den besetzten Gebieten geschaffen werden.

Das Lager wurde im April 1945 geräumt, die rund 500 verbliebenen Häftlinge auf einen Evakuierungsmarsch getrieben. Bis zu 100 Gefangene sollen dabei ums Leben gekommen sein. Vor 20 Jahren gründeten Moringer Bürger, zunächst gegen den Widerstand von Stadtoberen, die KZ-Gedenkstätte. Dort werden Führungen, Veranstaltungen und einmal im Jahr ein Treffen der noch lebenden ehemaligen Moringer KZ-Häftlinge organisiert.

Das gefällt nicht allen. Mit dem Schriftzug »Alles Lüge« beschmierten Unbekannte Anfang Januar das Gebäude der KZ-Gedenkstätte. Auf den Wänden der ehemaligen Kommandantur hinterließen sie die Schriftzüge »Lügenmal« und »Es war kein KZ hier«.

www.gedenkstaette-moringen.de