Solidarität ist eine Waffe

Ein Antifaschist aus Düren wird am Donnerstag den 10.08.2017 vor dem Amtsgericht in Düren stehen. Folgend findet ihr, was ihm genau passiert ist. Der betroffene Antifaschist darf nicht alleine gelassen werden, denn die Repression gegen ihn gelten uns allen…

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Am 31.01.2016 fand in der Arnoldusklause in Arnoldsweiler eine Veranstaltung der rechten, rassistischen und in Teilen faschistischen Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) statt. Vor dem Eingangsbereich der Gaststätte hatten sich mehrere Menschen versammelt um gegen die Zusammenrottung der Rechten zu demonstrieren. An diesem Protest hat sich auch der Antifaschist beteiligt, dem nun Nötigung, Körperverletzung und Beleidigung vorgeworfen wird. Die Grundlage für die Anklage ist die Falschbeschuldigung des Wirtes, der der AfD seine Räume zur Verfügung gestellt hat. Der Betroffene hat keine Straftat begangen, keine Gewalt angewendet, sondern lediglich an einer Protestaktion gegen die besagte Veranstaltung teilgenommen. AntifaschistInnen , die sich für Toleranz und gegen Fremdenhass engagieren, werden so immer wieder kriminalisiert. Doch davon dürfen wir uns keinesfalls einschüchtern lassen. Der antifaschistische Protest muss weiter gehen.
Wir rufen zur Solidarität und Unterstützung des Antifaschisten auf. Kommt am 10.08.2017 um 13.00 Uhr zahlreich ins Amtsgericht Düren, August-Klotz-Straße 14 , 2. Etage, Sitzungssaal 2.29.
Da dies alles nicht nur Kraft sondern auch Geld kostet (Anwaltskosten, Gerichtskosten usw.) bitten wir um Spenden.
Diese können auf folgendes Konto überwiesen werden:

W. Floss
Volksbank
IBAN: DE83382600826001203019.

Verwendungszweck: „Solidarität ist eine Waffe“

Übrigens sind als Zeugen 3 Mitglieder der AfD geladen. Zwei gehören dem Vorstand des Kreisverband Düren an:
1. ESSler, Bernd, Sprecher (Düren, Vorsitzender AfD-Stadtratsfraktion)
2. Dick, Ralf Schatzmeister aus Kreuzau
3. Gastreich, Steffen aus Heimbach

G-20-Einsatz: Eskalation war Programm

Rahmenbefehl schrieb »harte Linie« der Polizei vor. Auch intern Kritik daran
Von Kristian Stemmler

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Heldenhafter Einsatz? Hartmut Dudde (Mitte), Hamburger Einsatzleiter der Polizeikräfte beim G-20-Gipfel, vor Beginn des Dankeschön-Konzerts für 2.000 Staatsschützer in der Elbphilharmonie
Foto: Christophe Gateau/dpa-Bildfunk

Für Olaf Scholz wird es eng. Der Spiegel moniert in seiner neuen Ausgabe, der Hamburger Bürgermeister und die Polizei hätten zum G-20-Gipfel falsche Prioritäten gesetzt. Grundlage der Kritik ist ein 40 Seiten starker Rahmenbefehl der Hamburger Polizei vom 9. Juni, aus dem das Magazin zitiert. Darin heißt es demnach: »Der Schutz und die Sicherheit der Gäste haben höchste Priorität.« Scholz hatte nach dem Gipfel behauptet, der Schutz der Staatsgäste und der Bevölkerung seien gleichrangig gewesen.

Weiter geht aus dem Spiegel-Beitrag hervor, dass Hartmut Dudde, Chefkoordinator des Polizeieinsatzes während des Treffens zahlreicher Staats- und Regierungschefs, mit dem Befehl eine harte Linie vorgegeben hat. Störungen seien »im Ansatz zu verhindern«, bei Demoeinsätzen gelte eine »niedrige Einschreitschwelle«, wird aus dem Papier zitiert. Kritik an Duddes Linie kommt inzwischen auch aus dem Polizeiapparat selbst, so zum Beispiel von Hans Alberts, Professor an der Polizeihochschule Münster. In einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung monierte er kürzlich, jahrelang habe er mit Dudde und anderen ehemaligen Schülern Versammlungsszenarien durchgespielt »und immer wieder festgestellt, dass eine harte Linie nur zur Eskalation führt und es dann eine seltsame Achse zwischen den Hardlinern der Polizei und den gewaltbereiten Chaoten gibt«. Neben dem »unseligen Umgang mit dem Versammlungsrecht«, so der Jurist mit Blick auf den Gipfeleinsatz, »wäre es eine eigene Untersuchung wert, ob die Amtsperiode von Ronald Schill in der Polizei personelle Spuren hinterlassen hat«. Der Rechtspopulist war von 2001 bis 2003 Hamburgs Innensenator.

In seinem Internetblog kritisierte ein anderer Polizist, der in einem Kommunikationsteam in Hamburg eingesetzt war, die Einschränkung von Grundrechten während des Gipfels als »unfassbar und beschämend«.

G20 in Hamburg aus Sicht eines Polizisten

Auf dem Blog vionville.blogspot.de veröffentlichte der Polizist Oliver von Dobrowolski am Freitag seine Eindrücke von G 20 in Hamburg, wo er als einer von 30 Berliner »Kommunikationsteam«-Beamten im Einsatz war. Er ist zweiter Vorsitzender des Vereins »PolizeiGrün« von Polizisten, die bei den Grünen sind:

Freilich wurde ich nicht wie viele Spezial- oder besondere Festnahmeeinheiten an »vorderster Front« eingesetzt, nachdem die Krawalle begannen. Zwar hatte ich neben meiner üblichen Schutzausrüstung auch meinen Helm mit, musste diesen jedoch nicht zum Schutz aufsetzen. Nichtsdestotrotz vermischten sich meine höchst persönlichen Impressionen mit den parallel verfolgten Twitterfeeds der Hamburger Polizei einerseits und der mutmaßlichen Gipfelgegner andererseits zu einem Gefühlspotpourri, das mitunter an Skurrilität nicht mehr zu übertreffen war. Völlig klar, dass die natürlich mit den Kollegen geführten Debatten und die über Funk eintreffenden Erkenntnisse für zusätzliche Würze sorgten.

Wenn man dann noch den Blick gehoben hat und am bebauten Horizont dunkle Rauchschwaden über Altona und St. Pauli hochsteigen sieht, spätestens dann fragt man sich einfach: What the fucking hell mache ich hier eigentlich?! (…)

Im Ergebnis bewerte ich meine Einsatzimpressionen sowie den Blick auf die bis dato erfolgten öffentlichen Bewertungen wie folgt: Dass in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland, das als führende Nation in verschiedenen Bündnissen zu Recht Defizite beim Demokratieverständnis sowie den Bürger- und Freiheitsrechten in Staaten wie der Türkei, Ungarn und Russland anprangert, ein Gipfeltreffen mit derartigen Einschränkungen eben dieser Rechte einhergeht und sowohl die politische als auch die polizeiliche Führung einen Rückfall in vergangen geglaubte Zeiten praktizieren, ist unfassbar und beschämend. (…) Die Diskussion, ob ein solcher Gipfel überhaupt in einer Metropolregion hätte stattfinden dürfen (meine Auffassung: nein!) ist müßig. Aber in Hamburg hat man mit der Plazierung des Hauptgeschehens in unmittelbarer Nähe zum Kiez sowie mit dem Transferkorridor und der Allgemeinverfügung gezeigt, dass man schlechte Bedingungen durch falsche Herangehensweisen immer noch verschlimmern kann. (…)

Ich jedenfalls bin der Meinung, dass die Exekutive den unumstößlichen Auftrag hat, unsere Demokratie und die in ihr lebende Gesellschaft zu schützen. Es gilt, unsere Verfassungswerte und moralischen Grundsätze zu verteidigen. Dass in vielen Menschen nun der Eindruck entstanden ist, gerade die Polizei hat in Hamburg unter Aufbietung ihres gesamten Werkzeugkastens die temporäre Aufhebung von Grundrechten ermöglicht und gestützt, ist gleichermaßen heftig wie fatal. (…) Nun, nicht schwierig dürfte die Feststellung sein, dass es Polizeigewalt definitiv gab. Sorry, Olaf Scholz. Aber die x-fachen Foto- und Videoaufnahmen von meist eindeutigen Situationen, in der keine denkbare Rechtfertigung oder Entschuldigung für körperliche Gewalt vorliegen kann, sprechen eine eindeutige Sprache. Hinzu treten die vielen persönlichen Berichte von Journalisten und Aktivisten, die bei ihrer Tätigkeit behindert oder auch angegriffen wurden, die gewiss nicht in Gänze erfunden sein können.

Zitat des Tages
Ein Wasserwerfer hat keinen Rückwärtsgang.
Eines der Statements von Polizeieinsatzleiter Hartmut Dudde in einer Lagebesprechung vor dem G-20-Gipfel in Hamburg, die der Spiegel in seiner neuen Ausgabe zitiert (mehr…)

Verletzte Grundrechte

Der martialische Auftritt der Polizei in Hamburg soll zeigen: Wer nicht spurt, wird repressiert
Von Dietmar Koschmieder

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Granatwerfer, Maschinenpistolen, Sturmgewehre gegen die eigene Bevölkerung
Foto: Hannibal Hanschke, Kai Pfaffenbach/Reuters/Montage jW

Erst wurden über 10.000 gewaltbereite Demonstranten für den Gipfel in Hamburg prophezeit, dann etablierte die Polizei die Zahl 8.000. Am Ende schritten hochgerüstete Polizeieinheiten gegen 1.000 Demonstranten (Angaben der Polizei) bei der »Welcome to Hell«-Demo am Donnerstag am Hamburger Hafen ein, weil die sich angeblich nicht demaskieren wollten. Augenzeugen berichteten allerdings, dass es lediglich einige hundert waren. Wer aber steckt hinter so einer Vermummung? Linksautonome Aktivisten? Staatsbeamte mit Spezialauftrag? Faschos und Hools? Oder Kriminelle? Klar dürfte jedenfalls sein: Wenn Tausende von militärisch auftretenden und hochgerüsteten Staatsbeamten mit ihren Granatwerfern, Schnellfeuerwaffen und Maschinenpistolen demonstrativ tagelang gegen alle, die ihnen auf der Straße begegnen, äußerst aggressiv vorgehen, geht es nicht um ein paar hundert Vermummte. Wenn unter solchen Umständen Häuser gestürmt, Menschen die Knochen gebrochen, Brände gelegt und Straßenzüge verwüstet werden, ist da keinesfalls etwas »aus dem Ruder gelaufen«, wie manche mutmaßen: Hier sollen nicht nur »Gewaltbereite«, hier sollen alle Demonstranten, Passanten, aber auch gar nicht anwesende Kritiker des Staates eingeschüchtert werden. Mit erstaunlicher Klarheit haben das in diesen Tagen mehrere Polizeisprecher und Politiker kundgetan. »Grundrechte einzuschränken ist nun mal Teil der Aufgabe und schützt die Demokratie vor zu großem Individualismus«, postete etwa die Hamburger Gewerkschaft der Polizei über Twitter am Mittwoch. Dagegen nennt die Gewerkschaft Verdi die Ereignisse ein einziges »Festival der verletzten Grundrechte«.

Medien können in einer bürgerlichen Demokratie eine wichtige, den Herrschenden durchaus unangenehme Rolle spielen. Offensichtlich deshalb hat man wohl auch sie ins Visier genommen. Journalisten unterschiedlicher Medien wurden von Beamten geschlagen, drangsaliert, in der Ausübung ihres Berufes massiv behindert. Eigentlich war auch das nicht nötig, die meisten Medien funktionierten als verlängerter Arm der Staatsmacht: Erklärungen der Polizei wurden ohne Gegenrecherche übernommen und gebetsmühlenartig wiederholt, schon im Vorfeld der Ereignisse. Als die Polizei meldete, dass sie gegen 1.000 vermummte Personen vorgegangen sei, wurde diese Zahl beispielsweise vom TV-Sender N24 brav gemeldet und auch dann noch ständig wiederholt, als ihr Reporter vor Ort aussagte, dass es deutlich weniger Personen gewesen seien.

Mit dem martialischen Auftritt sollte wohl ein Zeichen gesetzt werden: Egal ob Linksautonomer, Journalist oder friedlicher Demonstrant: Wer nicht spurt, wird repressiert. Dabei treten komische Helfershelfer auf, wie die junge Welt erleben musste. Schon im Vorfeld der Protestaktivitäten gegen den G-20-Gipfel wurde die junge Welt inhaltlich angegriffen, weil G20 nicht G7 sei und man wegen der Teilnahme der Regierungen etwa aus Russland oder China gegen den Gipfel nicht protestieren dürfe. Trotzdem hat die junge Welt eine klare Haltung eingenommen, was unter anderem auch dazu führte, dass zwei im Vorfeld überprüfte und akkreditierte jW-Journalisten dann doch vom Gipfel ausgesperrt wurden. Antideutsche veröffentlichten Fahndungsbilder von zwei Journalisten unseres Filmteams mit der Aufforderung, »diesen Antisemiten keine Interviews zu geben«. Einer der so Angegriffenen kommt aus Israel, einem weiteren israelischen Kollegen aus dem jW-Team wurde die Fotoausrüstung geraubt, nachdem man ihn zu Boden geworfen und auf ihn eingeschlagen hatte. Und am Montag, als die Hetze gegen Linke die höchsten Wogen schlug, erdreistete sich die Redaktion der »Tagesthemen«, zur Illustration der vom Verfassungsschutz vermeldeten Zunahme der Zahl linksradikaler Aktivisten das Logo der jungen Welt im aktuellen Verfassungsschutzbericht einzublenden. Warum wohl?

Natürlich geht es nicht in erster Linie gegen die junge Welt. An ihrem Beispiel soll nur statuiert werden, was geschieht, falls man es wagen sollte, bestehende Verhältnisse zu sehr zu kritisieren oder gar in Frage zu stellen und über Alternativen nachzudenken. Die Herrschenden haben viel weniger vor einer Zeitung Angst als davor, dass immer mehr Menschen ihre Wut über Ungerechtigkeit und Profitwahnsinn in Formen organisierten Widerstandes verwandeln. Dieses Szenario steht den Behörden offensichtlich vor Augen, wenn sie Polizei in paramilitärischer Formation und Hochrüstung auf Demonstranten und Presse, eigentlich auf die Bevölkerung insgesamt loslassen. An der Notwendigkeit anderer gesellschaftlicher Verhältnisse ohne Profitlogik und Ausbeutung ändert das allerdings nichts.

Hamburger Generalprobe

Politik und Medien lenken von den Inhalten des Protestes ab
Von Nina Hager

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Gerüstet für den Bürgerkrieg (Foto: Christian Martischius)

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Al­lein am Sams­tag de­mons­trier­ten 76 000 Men­schen gegen den Gip­fel ( Ulf Ste­phan)

Der G20-Gip­fel in Ham­burg ist Ge­schich­te. Nun: Es kam dabei nicht zum of­fe­nen Eklat mit Do­nald Trump oder Er­do­gan – Kanz­le­rin Mer­kel er­leb­te kein De­sas­ter.

Damit die G20 in der In­nen­stadt tagen konn­ten, galt in gro­ßen Tei­len Ham­burgs der Aus­nah­me­zu­stand. Für des­sen Durch­set­zung sorg­ten über 20 000 Po­li­zis­ten, aus­ge­rüs­tet mit Was­ser­wer­fern und Räum­ge­rät, aber auch Son­der­ein­satz­kräf­te. Und die setz­ten – ganz of­fen­sicht­lich auch mit Bil­li­gung des Ober­bür­ger­meis­ters Scholz (SPD) und des In­nen­se­na­tors Andy Grote (SPD) von An­fang an auf Es­ka­la­ti­on. Schon im Vor­feld wurde Stim­mung ge­macht, wur­den Ängs­te ge­schürt. Wohl auch, um den fol­gen­den mas­si­ven Ein­satz zu recht­fer­ti­gen. Das be­gann im Vor­feld be­reits mit den War­nun­gen vor Tau­sen­den „ge­walt­be­rei­ter Links­ex­tre­mis­ten“, die nach Ham­burg an­rei­sen wür­den, mit Durch­su­chun­gen, mit dem Vor­ge­hen gegen die ge­plan­ten Pro­test­camps.

Mit dem Ein­satz gegen die De­mons­tra­ti­on „Wel­co­me to Hell“ am Don­ners­tag, gegen Men­schen, die Stra­ßen blo­ckie­ren woll­ten, sowie gegen De­mons­tra­tio­nen wie der am Sams­tag, an der 76 000 Men­schen teil­nah­men, wurde das ge­walt­sa­me und pro­vo­zie­ren­de Vor­ge­hen der Po­li­zei fort­ge­setzt. Auch gegen völ­lig Un­be­tei­lig­te, gegen ein­zel­ne Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten sowie gegen An­wäl­te wurde mit Ge­walt vor­ge­gan­gen. Bis heute ist die Zahl der zum Teil schwer­ver­letz­ten Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer nicht be­kannt.

Für „Bild“ und Co. gab es da­ge­gen in der Stadt vor und in den Tagen des Gip­fels über­haupt keine be­rech­tig­ten Pro­test­ak­tio­nen, keine Es­ka­la­ti­on durch die Po­li­zei und Grund­recht­s­ein­schrän­kun­gen, son­dern drei Tage lang nur Ran­da­le, Bar­ri­ka­den, Zer­stö­run­gen des Ei­gen­tums von An­woh­nern, Plün­de­run­gen und An­grif­fe auf die Po­li­zei durch „kri­mi­nel­le Links­ex­tre­mis­ten“. Bei aller Wut über die Jour­nail­le: Man darf nicht ver­ges­sen, dass die, die da ran­da­lier­ten und jene, die gaff­ten, die Bil­der ge­lie­fert haben. Der Jour­nail­le und der Po­li­tik war diese er­hoff­te Ge­le­gen­heit sehr will­kom­men, um von den fried­li­chen Pro­tes­ten gegen G20 ab­zu­len­ken.

Der sehr bunte und in­ter­na­tio­na­le Pro­test von Frie­dens- und Um­welt­grup­pen, von Flücht­lings­or­ga­ni­sa­tio­nen und -un­ter­stüt­zern und auch au­to­no­men Grup­pen, von Ge­werk­schaf­te­rin­nen und Ge­werk­schaf­tern, Mit­glie­dern lin­ker Par­tei­en und Ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen, der DKP und der SDAJ, und auch der Grü­nen spielt für „Bild“ und Co. keine Rolle. Und wenn doch, dann mit der immer wie­der­keh­ren­den Be­haup­tung, sie hät­ten sich nicht von den Ran­da­lie­rern dis­tan­ziert. He­ri­bert Prantl schrieb am ver­gan­ge­nen Sonn­tag in „Süd­deut­sche Zei­tung“: „Man tat und tut so, als han­de­le es sich bei den Gip­fel­kri­ti­kern um blau­äu­gi­ge Na­he­ste­her der schwar­zen Ver­mumm­ten. So wurde und wird be­rech­tig­ter Pro­test an­ge­schwärzt. Danke, Herr Ein­satz­lei­ter! Danke, Herr In­nen­se­na­tor! Und ein Dank an die in Ham­burg mit­re­gie­ren­den Grü­nen, die es in die­sen Tagen ge­schafft haben, so ab­zu­tau­chen, als ginge sie das alles nichts an.“

Vor allem CDU- und CSU-Po­li­ti­ker for­dern jetzt – das war vor­aus­zu­se­hen – wei­te­re Ge­set­zes­ver­schär­fun­gen und die Ein­schrän­kung von Grund­rech­ten. Und: Der Staat sei viel zu lange „auf dem lin­ken Auge blind“ ge­we­sen. Ge­for­dert wird, auch von SPD-Ver­te­tern, eine eu­ro­päi­sche Datei für „Links­ex­tre­mis­ten“. Leute, die in Ham­burg ran­da­liert haben, sol­len mit aller Macht ver­folgt und schwer be­straft wer­den. Die „Bild“-Zei­tung hat das in­zwi­schen in ei­ge­ne Hände ge­nom­men und Fotos von „an Ran­da­len Be­tei­lig­ten“ ver­öf­fent­licht. Das ist ein schwe­rer Ein­griff in Per­sön­lich­keits­rech­te wie in Auf­ga­ben der Po­li­zei.

(Aus „Unsere Zeit“ vom 14. Juli 2017)

Nicht eingeschüchtert

Hamburger Polit-Showbiz
Klaus Wagener zu der Bilanz des G20-Gipfels in Hamburg

Gegen Geschichtsklitterung

Gemeinsame Erklärung zum 80. Jahrestag der Gründung des KZ Buchenwald
Anlässlich des 80. Jahrestags der Errichtung des KZ Buchenwald veröffentlichten die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis e. V. und die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e. V. Anfang der Woche eine gemeinsame Erklärung:

Im Juli 1937 wurde auf dem Ettersberg bei Weimar das spätere KZ Buchenwald errichtet. Es war Teil des faschistischen Lagersystems, das ab 1936 in Vorbereitung des faschistischen Krieges neu organisiert wurde. Am 15. Juli 1937 erreichte das erste Vorkommando den Ettersberg. Es bestand aus 149 Häftlingen, unter ihnen 52 politische, aus dem KZ Sachsenhausen. In den folgenden Tagen wurden Häftlinge aus den KZ Lichtenburg, Sachsenburg und Bad Sulza nach Buchenwald kommandiert, darunter ein Großteil politischer Häftlinge.

Das Lager sollte den Namen »K. L. Ettersberg« tragen, doch dagegen regte sich in Weimar Widerspruch. Am 24. Juli 1937 musste Theodor Eicke, der Inspekteur der Konzentrationslager, an Heinrich Himmler vermelden, dass »die N. S.-Kulturgemeinde in Weimar hiergegen Einspruch erhebt, weil Ettersberg mit dem Leben des Dichters Goethe im Zusammenhang steht. Auch Gauleiter Sauckel hat mich gebeten, dem Lager eine andere Benennung zu geben.« Bereits vier Tage später verkündete Lagerkommandant Karl Koch den neuen Namen »K. L. Buchenwald, Post Weimar«.

Das war der Beginn acht Jahre dauernden faschistischen Terrors. »Vernichtung durch Arbeit« lautete die erklärte Absicht, und sie richtete sich gegen alles und jeden, sofern der nazistischen Ideologie zuwider. Zu vielen politischen Häftlingen und Kriminellen, deren Strafe vollzogen war, kamen 1938 nach Massenverhaftungen eine große Zahl Juden, Sinti und Roma sowie Zeugen Jehovas nach Buchenwald, die beim Auf- und Ausbau des Lagers erbarmungslos mit größter Brutalität ausgebeutet wurden.

Politischen Häftlingen, vor allem deutschen Kommunisten, gelang es, illegalen antifaschistischen Widerstand zu organisieren. Der SS konnten Zugeständnisse abgerungen werden, die für die ständig wachsenden Häftlingszahlen und die Internationalisierung des Lagers überlebenswichtige Bedeutung hatten. Den antifaschistischen Konsens über weltanschauliche Unterschiede hinweg geschaffen zu haben, bleibt Verdienst des organisierten politischen Widerstands. Solidarität mit besonders gefährdeten Häftlingsgruppen zeugen von hoher Moral und dem Willen, das Überleben zu sichern.

Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder – 250.000 Häftlinge aus über fünfzig Nationen waren in diesem und in den 136 Außenlagern des KZ Buchenwald, wo sie Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie leisten mussten.
Als am 11. April 1945 die entstandenen inneren und äußeren Bedingungen geringste Verluste an Menschenleben erwarten ließen, löste das illegale Internationale Lagerkomitee die militärische Aktion zur Selbstbefreiung der Häftlinge aus.
Dieses Widerstandes zu gedenken und ihn gegen alle Versuche der Geschichtsverfälschung und Relativierung zu verteidigen, ist auch 80 Jahre nach der Errichtung des Lagers notwendig.

Wir werden nicht zulassen, dass

– die Erinnerung an den Widerstand der Häftlinge in einem abstrakten Gedenken »aller Opfer« verschwindet,

– die Komplexität des Widerstandskampfes aus heutiger Perspektive relativiert oder gar denunziert wird,

– die Verdienste des Widerstands für die Rettung von 21.000 Häftlingen, darunter 904 Jugendlichen und Kindern, mit dem bewaffneten Beitrag zur Selbstbefreiung geleugnet oder als »DDR-Mythos« verleumdet werden.

Angesichts aktueller Entwicklungen verstehen wir das Erinnern, Mahnen und Gedenken als lebendigen Prozess.

In diesem Sinne verteidigen wir den »Schwur von Buchenwald« vom 19. April 1945, der das gemeinsame Vermächtnis aller überlebenden Häftlinge von Buchenwald war und bis heute politische Orientierung für Antifaschisten aller Überzeugungen und international darstellt: Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln und Schaffung einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit!

Attacke von rechts

Proteste gegen G 20: Im Hamburger Schanzenviertel randalierten offenbar auch Neofaschisten – Rolle von V-Leuten unklar
Von Susan Bonath

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Nach berichten der Lokalpresse soll sich am Samstag ein »gutes Dutzend« Neonazis am Hauptbahnhof der Hansestadt getroffen haben – um die G-20-Randale vorzubereiten
Foto: Christian-Ditsch.de

Bilder von blindwütiger Zerstörung machen es möglich: Nach den Protesten gegen den G-20-Gipfel in Hamburg und kurz vor der Bundestagswahl schießt die »bürgerliche Mitte« aus allen Rohren. Politiker überbieten sich beim Kriminalisieren antikapitalistischer Weltanschauungen. Mit Forderungen nach härterer Bestrafung, Räumung autonomer Zentren, antilinker Gegenkultur bis hin zu EU-weiter Erfassung »linker Terroristen« haben Unionsparteien, FDP, SPD und AfD das Feuer eröffnet. Doch randalierten wirklich »linke Chaoten« im Schanzenviertel? Es gibt Hinweise darauf, dass Rechte und Hooligans zumindest daran beteiligt waren.

Die NPD Hamburg hatte im Vorfeld dazu aufgerufen, ebenfalls bei den Demonstrationen präsent zu sein. Man wolle »den Protesten die nötige nationale Grundeinstellung vermitteln«, tönte die neofaschistische Partei im Internet. Auch hatte die rechtsradikale Gruppe »Hooligans gegen Salafisten« (Hogesa) online dazu aufgerufen, sich am Sonnabend am Hauptbahnhof Hannover zu treffen. Von dort wollte man nach Hamburg reisen. Man plane Aktionen unter dem Motto »Unsere Heimat wieder unter Kontrolle bringen«, hieß es.

Der Hogesa-Aufruf war bei der Polizei angekommen. Am Abreisebahnhof seien verstärkt Bundespolizisten und Sicherheitsmitarbeiter der Bahn unterwegs gewesen, berichtete die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) am Sonntag. Insgesamt 25 Verdächtige hätten die Behörden kontrolliert. »Vier von ihnen mussten die Nacht auf richterliche Anweisung im Polizeigewahrsam verbringen«, sagte Polizeisprecherin Kathrin Pfeiffer der Zeitung. Diese sollen der rechtsradikalen Szene angehören und verdächtige Gegenstände mitgeführt haben. Bei einer Demonstration 2014 in Köln hatten Hogesa-Anhänger die Innenstadt verwüstet.

Wie die Hamburger Morgenpost am Montag berichtete, soll sich am Sonnabend ein »gutes Dutzend« Neonazis am Hauptbahnhof der Hansestadt getroffen haben. Abends sei die Gruppe ins Schanzenviertel gezogen und habe mit randaliert. »Ein Mopo-Reporter wurde dort mit rechten Parolen angesprochen, die Rechten warfen dann Flaschen auf Polizisten«, so die Zeitung. Später hätten sie eine Gruppe von Linken angegriffen. Bereits am Donnerstag hätten Reporter während der »Welcome to Hell«-Demonstration rechte Parolen wie »Deutschland gehört uns« vernommen. Gegenüber jW erklärte ein Demoteilnehmer, er habe einen »Schwarzgekleideten« aus dem Schanzenviertel kommen sehen, der offenbar mit randaliert habe. Unter seinem Kapuzenpulli habe er ein T-Shirt mit Deutschlandflagge und typischen Schriftzügen getragen.

Bekannt ist, dass die Polizei die Randalierer stundenlang gewähren ließ. Teilweise sah sie dabei aus der Nähe zu. Sie habe befürchtet, dass von Dächern Steine oder Platten geworfen werden könnten, rechtfertigte sie sich später. Unterdessen attackierten Polizeieinheiten friedlich Demonstrierende teils äußerst brutal. Teilnehmer berichteten jW von Menschen, die in Panik vor Übergriffen geflohen seien und sich dabei verletzt hätten. Ein Mann erläuterte, dass Polizisten ihn grundlos verhaftet hätten. Dabei hätten sie ihn mit dem Kopf gegen eine Wand und einen Pfeiler gerammt, geschlagen und beleidigt. Erst nach fünf Stunden sei er medizinisch versorgt und nach elf Stunden ohne Erklärung freigelassen worden. Am Sonntag hatte er ein Foto von sich mit blauem Auge und geschwollener Nase auf Facebook veröffentlicht.

Wie üblich hatten sich Polizisten als Demonstranten verkleidet. Ein solcher verdeckter Ermittler feuerte am Freitag einen Warnschuss ab. Er habe einen Angriff auf einen vermeintlichen Kollegen in gleicher Mission verhindern wollen, hieß es. Ein linkes Bündnis erklärte, die Leute hätten den Bedrängten als Provokateur der Polizei identifiziert und festhalten wollen. Die Polizei und der Angegriffene bestritten dies. In der Nacht zu Sonntag fiel laut Spiegel online ein zweiter Warnschuss aus einer Gruppe Zivilfahnder. Inwieweit tatsächlich »Agents provocateurs« im Spiel waren, ist aber unklar. In der Vergangenheit wurden solche Einsätze immer wieder bekannt und bewiesen. Dass Neonazis auf linken Demos randalieren, um Teilnehmer zu diskreditieren, ist auch nicht neu. Bei den Blockupy-Protesten 2015 in Frankfurt am Main war dies der Fall.

Feilen am Feindbild

G 20: Scholz lobt »klare Linie« der Polizei und hetzt weiter gegen »Linksextreme«. Gewerbetreibende des Schanzenviertels gegen Stimmungsmache
Von Michael Merz

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Glückwünsche an die Truppe: Olaf Scholz, Erster Bürgermeister Hamburgs, mit Kanzlerin Angela Merkel am Sonnabend vor Polizeikräften
Foto: Patrik STOLLARZ/Pool/REUTERS

Seit Tagen tobt sich ein Furor aus. Angefeuert von Spitzenpolitikern, die von »Mordbrennern« (SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz) reden oder ihren Allmachtsphantasien freien Lauf lassen, wie Stephan Mayer (CSU), der laut Bild »eine gewaltsame Räumung der Roten Flora jetzt für zwingend geboten« hält. Und das Springer-Blatt beansprucht unterdessen für sich, Exekutive und Judikative zu sein, indem es Menschen steckbrieflich auf der Titelseite zur Fahndung ausschreibt. Die Botschaft dahinter: Der Feind steht links.

Kein Wort gab es am Mittwoch von Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) zum völlig aus dem Ruder gelaufenen Polizeieinsatz inklusive Sturmgewehren und Dutzenden Schwerverletzten. Kein Wort dazu, dass friedlich zeltende Gipfelgegner schikaniert worden waren und seine Truppen jegliches Maß verloren hatten. In seiner Regierungserklärung ging es nicht um persönliche Konsequenzen, sondern nur darum, die »klare Linie der Polizei« zu loben. Ganz wichtig war ihm: »Niemand sollte sich mit Linksextremen gemein machen«.

Mit Verweis auf den Hamburger Verfassungsschutz war im Vorfeld von G 20 vor bis zu 10.000 Gewalttätern, die nach Hamburg reisen würden, gewarnt worden. Wohl ein Schauermärchen – es gab während der Gipfeltage etwa 500 Festnahmen. Selbst die Personen, mit deren angeblichen Taten der martialische Einsatz von hochgerüsteten Spezialeinheiten am Freitag abend begründet wurde, sind wieder auf freiem Fuß. Gegen 13 Verdächtige, die nach Angaben des Hanseatischen Oberlandesgerichts auf dem Dach und im Hinterhof des Gebäudes am Schulterblatt 1 festgesetzt worden sind, hätten sich keine belastbaren Anhaltspunkte für die Beteiligung an Gewalttaten ergeben. Vom Dach des Hauses flogen während der Randale immer wieder Gegenstände auf die Straße. Wie die Tagesthemen am Dienstag abend berichteten, habe der Hausverwalter bereits Tage zuvor die Polizei gewarnt, dass ein Gerüst vor der Fassade ein Sicherheitsrisiko darstellen könnte und der Behörde sogar die Schlüssel übergeben. Gesichert worden sei das Haus aber nicht. Im Abendblatt wurde am Mittwoch gemeldet, die Personen seien laut Gerichtssprecher Kai Wantzen um 23.26 Uhr festgenommen worden. Wie Bilder eines Polizeihubschraubers aber dokumentierten, seien erst 23.43 Uhr Steine und ein Brandsatz vom Dach geworfen worden.

In einer aktuellen Stellungnahme von Geschäfts- und Gewerbetreibenden heißt es, es könne nicht bestätigt werden, dass ein »Schwarzer Block« in dieser Nacht im Schanzenviertel gewütet habe. »Es waren betrunkene junge Männer, die wir auf dem Baugerüst sahen, die mit Flaschen warfen – hierbei von einem geplanten ›Hinterhalt‹ und Bedrohung für Leib und Leben der Beamten zu sprechen, ist für uns nicht nachvollziehbar«, schreiben sie in der Erklärung. Und weiter: »Hier von linken AktivistInnen zu sprechen, wäre verkürzt und falsch.«

Zumindest die Geschädigten der Randale können hoffen. »Der Bund wird sich zur Hälfte an den entstehenden Kosten beteiligen«, teilte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums am Mittwoch in Berlin laut AFP mit. Für die Opfer von Polizeigewalt gilt dies nicht. Wieviele Verletzte es durch Schläge, Tritte oder Reizgas gab, wird nicht einmal gezählt. Wie der Pressesprecher der Hamburger Feuerwehr, Jan Ole Unger, am Mittwoch gegenüber jW sagte, sei das »nicht machbar«. Viele seien zu Fuß ins Krankenhaus gekommen oder durch den Sanitätsdienst auf einer Demonstration behandelt worden. Krankenwagen seien jedenfalls 195 mal ausgerückt.

Uniformierte Chaoten drehten frei
G-20-Zeugenberichte: Polizei nahm in Kauf, dass ihr Einsatz Menschenleben kosten könnte. Mehrere Mitglieder der Verdi-Jugend noch immer in Haft

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Deutsche Polizisten marschieren durch den Distrikt »Schanze« während der Unruhen von Hamburg am 7. Juli 2017
Foto: Kai Pfaffenbach/REUTERS

Bericht: hier

Prügel für Pressefreiheit

»Die Rote Flora gehört zu uns«
Stellungnahme von Geschäftsinhabern aus dem Hamburger Schanzenviertel: hier

»Presseausweis aus der Hand geschlagen«
Mehrere Journalisten berichten, von der Polizei in Hamburg bei der Arbeit behindert worden zu sein. Gespräch mit Martin Dieckmann
Interview: Wolfgang Pomrehn

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Spezialkräfte der Polizei im Hamburger Schanzenviertel (7. Juli)
Foto: Kay Nietfeld/dpa
Martin Dieckmann ist Leiter des Verdi-Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie Hamburg/Nord und damit dort auch zuständig für die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU) in Verdi

Einige Journalisten sprechen von teils heftigen Übergriffen von Polizeibeamten bei den Protesten gegen den G-20-Gipfel. Auch während der nächtlichen Ausschreitungen wurden Medienvertreter bedrängt. Was weiß die Journalisten-Gewerkschaft darüber?

Das fing gleich am ersten Tag bei der Räumung des Camps in Entenwerder an. Das war am 2. Juli. Da gab es Behinderungen. Aus Entenwerder hat ein Kollege berichtet, er habe sich als Journalist ausgewiesen, aber sein Presseausweis sei ihm aus der Hand geschlagen und ihm ein Schlag gegen den Körper versetzt worden.

In den nächsten Tagen hat es immer wieder solche Situationen gegeben. Wir können das bisher nicht genau beziffern, doch die Kollegen haben laufend über solche Vorfälle informiert. Es hat andererseits auch Situationen gegeben, in denen die Presse unbehelligt agieren konnte. Aber starke Behinderungen sind sehr, sehr häufig vorgekommen.

Gibt es mehr Beispiele solcher tätlichen Angriffe?

Es gibt solche Berichte. Meistens ist das wohl passiert, wenn sich Polizeieinheiten in Bewegung setzten. Wie gesagt, an manchen Orten ist es passiert, an anderen nicht.

Es soll mehrfach geäußert worden sein: »Hier gibt es keine Pressefreiheit.«

Das haben verschiedene Kollegen erzählt. Aber bei den Fällen, die ich kenne, kamen die Äußerungen von einfachen Polizeibeamten, nicht von Zugführern. Das geschah in den mir bekannten Fällen meistens in der unmittelbaren Konfrontation.

Wird das alles bei Verdi dokumentiert und weiterverfolgt?

Ja. Wir sammeln zunächst die Informationen. Erfahrungsgemäß ist es sehr schwierig, die Sachverhalte zu belegen. Dass es in solchen Auseinandersetzungen zu derlei Vorfällen kommt, ist bekannt. Wir haben deshalb im Vorfeld die Polizei angeschrieben, sie darauf hingewiesen, dass der Presseausweis eindeutig legitimiert, die Rechte der Presse wahrzunehmen. Die Stabsstelle hat uns zugesichert, dass die Informationen an die Einsatzkräfte weiter geleitet wurden.

Wurden im nachhinein die Vorfälle gegenüber der Polizei angesprochen?

Bisher noch nicht, aber wir werden nach den Übergriffen, die wir dokumentieren können, auf die Polizeibehörde zugehen und uns auf unsere Ansage im Vorfeld berufen.

Hat es auch von seiten der Demonstranten oder der Randalierer Angriffe auf Journalisten gegeben?

Letzteres. Insbesondere im Schanzenviertel am Freitag abend, als es dort eskalierte. Von den Demonstrationen sind mir keine Vorfälle bekannt.

Es wurden am Samstag 32 Journalisten die Akkreditierungen durch das Bundespresseamt entzogen. Was ist darüber bekannt?

Das Bundespresseamt spricht von Sicherheitsbedenken des Bundeskriminalamts. Einigen wurde gar kein Grund genannt. Keine der Beschwerden, die wir im Auftrag unserer Mitglieder beim Bundespresseamt eingereicht haben, hat bislang etwas bewirkt. Wir bereiten Klagen vor dem zuständigen Verwaltungsgericht in Berlin vor. Wir sind sehr gespannt, was da noch an Informationen herauskommt. Es gibt zum Beispiel Vermutungen, dass Kollegen aufgrund von Informationen des türkischen Staats betroffen gewesen sein könnten. Das hat das BKA jetzt dementiert, nennt aber weiter keine Gründe. Unter den Betroffenen sind zwei Reporter, die 2014 in der Türkei kurzfristig festgenommen worden waren, nachdem sie in der vom IS belagerten syrischen Grenzstadt Kobani fotografiert hatten.

Hinzu kommt, dass die Liste mit den Namen der betroffenen, vom BKA als Sicherheitsrisiko stigmatisierten Kolleginnen und Kollegen in größerer Zahl kopiert und an Polizisten verteilt wurde. Das ist ein gravierender Verstoß gegen den Datenschutz, wie auch der Hamburger Datenschutzbeauftragte bereits festgestellt hat. Hier stehen möglicherweise Schadensersatzklagen im Raum, denn ein solcher Vorgang ist schwer rufschädigend und kann erhebliche berufliche Probleme mit Auftraggebern und Arbeitgebern bereiten.

Knäckebrot, Wasser und drei Quadratmeter

Die Demonstration gegen die Repression zog auch am Büro der SPD Hamburg-Harburg vor

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Lina Leistenschneider

Hinter dem Harburger Bahnhof ist es an diesem sonnigen Sonntag, einen Tag nach dem Gipfel, ruhig, fast idyllisch. Möwen kreischen, in der Ferne ist ein Hubschrauber zu hören, ab und zu Martinshörner. Die Ruhe nach dem Sturm? Tatsächlich zeigt das G-20-Treffen auch nach seinem Ende hier noch sein hässliches Gesicht. An dem abgelegenen Ort hat die Polizei in einem früheren Lager und in Containern einen provisorischen Gipfelknast mit 400 Haftplätzen errichtet, die sogenannte Gefangenensammelstelle (Gesa).

Der Anwaltliche Notdienst (AND) erklärte gegenüber jW am Sonntag nachmittag, dass in der Gesa zu diesem Zeitpunkt noch schätzungsweise 100 Aktivisten festgehalten werden. Weitere rund 190 Gipfelgegner seien in Justizvollzugsanstalten in Hamburg-Billwerder, auf der Elbinsel Hahnöfersand und in anderen Bundesländern verlegt worden.

Ihre Solidarität mit den Gefangenen bewiesen am Sonntag nachmittag mehrere hundert Gipfelgegner, die von der Harburger Innenstadt zur Gesa zogen. In einem kleinen Camp, dem »Prison Support« auf einem Parkplatz neben der Gesa, werden entlassene Häftlinge von Aktivisten empfangen, mit Essen und Trinken versorgt.

Eine Anwältin und ein Anwalt, die jW vor den Toren des Knasts traf, schilderten die Haftbedingungen. Ihre Mandantin sei seit Stunden in einer etwa drei Quadratmeter großen, fensterlosen Einzelzelle mit weißen Wänden eingepfercht. »Sie sagte mir, sie fühle sich sehr beengt und dass man da jedes Zeitgefühl verliert«, so die Anwältin. Als Verpflegung gebe es nur Knäckebrot und Wasser. Der Anwalt sagte jW, Aktivisten hätten im Schnitt 14 bis 18 Stunden, zum Teil bis zu 30 Stunden in der Gesa verbringen müssen. Die Zusage der Polizei vor dem Gipfel, keiner werde mehr als zehn Stunden in dem Knast sitzen, sei nicht eingehalten worden.

Die Gesa erinnert an einen Hochsicherheitstrakt in der Wildnis. Massive Stahlzäune umgeben das Areal, überall mit NATO-Draht verstärkt. Hier und in der benachbarten Außenstelle Neuland des Amtsgerichts Hamburg-Mitte, einer Art Schnellgericht, ist es laut Berichten zu Übergriffen auf Gefangene und einen Anwalt gekommen.

Der G-20-Ermittlungsausschuss berichtete, Anwälte seien fünf Stunden lang nicht zu ihren Mandanten vorgelassen worden. Die Polizei habe die Situation genutzt, um erkennungsdienstliche Behandlungen durchzuführen, ärztliche Untersuchungen zu verschleppen und die Betroffenen in Unwissenheit über die Vorwürfe und das weitere Verfahren zu lassen. In der Nacht zum Sonnabend kam es in der Gesa zu einem Übergriff von mehreren Polizisten auf einen Anwalt. Ihm sei »ins Gesicht gegriffen« worden, berichtete der Anwaltsnotdienst (AND), man habe ihm den Arm verdreht und ihn »aus der Gesa geschleift«. Das »Vergehen«: Der Anwalt hatte der polizeilichen Anordnung widersprochen, dass sein Mandant sich nackt ausziehen sollte.

Von einer willkürlichen Festnahme berichtete die Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke auf einer Pressekonferenz im unabhängigen Pressezentrum am Sonnabend. Die Polizei habe 73 Gipfelgegner, die vom Camp im Volkspark zur Gesa ziehen wollten, in Gewahrsam genommen und in den Knast gebracht. Die Staatsanwaltschaft habe »flächendeckend« Haftbefehle beantragt – mit »den absurdesten Vorträgen«, so Heinecke. Den Festgenommenen sei »schwerer Landfriedensbruch« vorgeworfen worden, doch die Richter hätten keine Haftbefehle erlassen.

Die Außenstelle Neuland bezeichnete Heinecke als »ein Sondergericht, das G-20-Gericht«. Dort herrsche »die Atmosphäre eines in der Wüste befindlichen Kriegsgerichts. Die Justiz trägt blaue Westen, die Verteidigung rosa Westen, die Polizei gelbe Westen.« Die Polizei zeige ein Freund-Feind-Denken, das den zivilen Umgang in den provisorischen Verhandlungssälen erschwere.

BRD Hort der Demokratie?

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Infos: hier

Mit Gewehren bewaffnete Polizei stürmt Schanzenviertel

Georg Hoppe und Lina Leistenschneider

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Schwerbewaffnete Polizisten im Schanzenviertel

Mit Schnellfeuergewehren ausgerüstete Sondereinsatzkommandos der Polizei haben in der Nacht zum Sonnabend das Schanzenviertel gestürmt. Über Twitter bestätigt die Polizei, gegen »Störer« vorzugehen und fordert alle Unbeteiligten auf, sich umgehend aus dem Viertel zu entfernen. Zudem verlangten die Sicherheitskräfte von Medien und Privatpersonen, keine Informationen über das »taktische Vorgehen der Einsatzkräfte« zu filmen und zu senden. Wie der NDR berichtete, ging die Polizei am Schulterblatt mit dem Schlagstock gegen mindestens einen Fotografen vor. Anderen Berichterstattern wurde untersagt, den Beamten zu folgen. Trotzdem übertrugen sowohl das NDR-Fernsehen als auch RT im Internet die Auseinandersetzungen zumindest zeitweilig live.

Die Situation in Hamburg hatte sich in den Abendstunden immer weiter zugespitzt. Gegen 19.30 Uhr hatte die Polizei vor dem Millerntorstadion in St. Pauli eine Gruppe von Menschen angegriffen, die sich offensichtlich auf dem Weg zur Auftaktkundgebung der antikapitalistischen Demonstration »G20 Entern!« befanden, die auf der Reeperbahn stattfinden sollte. Die Attackierten flüchteten Richtung Pferdemarkt. Dort und im Arrivati!-Park versammelten sich gegen 20.00 Uhr etwa 1.000 friedliche Demonstranten. Obwohl von ihnen keine Gewalt ausging, wurden sie von der Polizei mit Wasserwerfern und Pfefferspray attackiert. Viele Demonstranten zogen sich daraufhin in das Schanzenviertel zurück, vereinzelt flogen Flaschen und Böller.

Die Situation am Pferdemarkt blieb stundenlang unverändert. Im Schanzenviertel dagegen ließ sich über Stunden keine Polizei blicken. Gegen 22.00 Uhr hatten sich in dem Stadtteil mehrere tausend Menschen auf den Straßen versammelt. Es brannten mehrere angezündete Müllhaufen auf der Straße. Immer wieder detonierten in das Feuer geworfene Spraydosen, Rauchschwaden hingen in der Luft.

Kurz nach 23.00 Uhr näherten sich vom Neuen Kamp kommend zwei schwarze Geländewagen, in denen bewaffnete Spezialkräfte der Polizei saßen. Kurz vor Mitternacht stürmte die Polizei das Schanzenviertel. Wasserwerfer, Räumfahrzeuge und Polizeiketten drangen in das Viertel vor. Es flogen Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper. Ein Polizeihelikopter richtete seinen Scheinwerfer auf die Szenerie. Tränengas lag in der Luft. Die Polizei sprach von 1.500 »militanten Personen«, gegen die nun ein Großaufgebot vorgehe.

Während auf dem Schulterblatt die Straßenschlacht tobte, feierten in den Seitenstraßen Menschen, die Kneipen waren gefüllt. Schaufensterscheiben waren eingeschlagen, Straßenschilder herausgerissen. Es soll zu Plünderungen von zwei Drogerie- oder Supermärkten gekommen sein. Auch ein Geschäft der Mobilfunkkette O2 wurde aufgebrochen.

In der Roten Flora wurden in der Nacht Verletzte versorgt. Spiegel online zitierte den Sprecher des Veranstaltungszentrums, Andreas Blechschmidt, mit der Aussage, man habe 20 Menschen medizinisch versorgen können, drei seien vom Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. worden. Blechschmidt erklärte dem Nachrichtenportal zufolge, man finde Protest und Blockaden gegen G20 und die Messehallen richtig, aber die »sinnbefreite Gewalt« in der Schanze sei Selbstzweck und falsch.

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VIDEO:»G20 entern« am 7. Juli – eine abgesagte Demonstration: hier

Weitere Informationen und Bilder: hier, hier